Vortragsfolie auf der Bühne der Rosenheimer Tür und Tortage

Zeitenwende Klimaschutz

Lesezeit: 7 Minuten

12. Branchentreff mit Insiderwissen und Mehrwert für Tür- und Torexperten

Institutsleiter Prof. Jörn Lass (ift Rosenheim), Frank Böttcher (NDR-Meteorologe) und Martin Langen (GF B+L Marktdaten) überzeugten kompetent und eindringlich, dass ein Umsteuern zu nachhaltiger Bautechnik, Produktion und Unternehmensführung jetzt notwendig ist. Der von Christian Kehrer (ift Rosenheim) moderierte Themenblock „Nachhaltigkeit“ zeigte, wie die „Zeitenwende“ für mehr Klimaschutz praktisch gelingen kann. Ergänzt wurde das zentrale Thema Klimaschutz durch viele praktische Vorträge, beispielsweise neue Anforderungen und Nachweise für Brandschutzelemente und Baubeschläge, Einbruchhemmung, RAL-Richtlinien, Bauakustik sowie Rechtstipps zur Erzwingung der Bauabnahme. Damit wurden die vom 18. bis 19. Mai in Rosenheim veranstalteten 12. Rosenheimer Tür- und Tortage dem Anspruch als führender Branchenkongress voll gerecht. Die 250 Teilnehmer bekamen intensiven Input und Insiderwissen, das beim stimmungsvollen Bayerischen Abend lebhaft diskutiert wurde.

Vortragsfolie auf der Bühne der Rosenheimer Tür und Tortage
Die 12. Rosenheimer Tür- und Tortage beantworteten nicht nur die Frage „was ein Rosenheimer mit dem Klima zu tun hat“, sondern auch was die Branche für den Klimaschutz tun kann.
Prof. Jörn P. Lass auf den Rosenheimer Tür und Tortagen
Prof. Jörn P. Lass (Institutsleiter ift Rosenheim) mit seinem Vortrag „Tü-ren und Tore im Spannungsfeld von Nachhaltigkeit, Klimaneutralität und Technik“ (Quelle: ift Rosenheim)
Frank Böttcher auf den Tür und Tortagen
Frank Böttcher (Meteorologe, Wet-termoderator und Buchautor) mit seinem Vortrag „Extremwetter im Klimawandel – Nehmen Hagel, Starkregen und Stürme wirklich zu? (Quelle: ift Rosenheim)
Eine Gruppe Goaßlschnalzer wärend ihres Auftritts am Bayrischen Festabend der Tür und Tortage
Gelegenheit zum Netzwerken und zum Austausch über die „Fachkost“ der Referenten bot der Branchentreff mit bayeri-schem Ambiente am Mittwoch-abend. (Quelle: ift Rosenheim)
Zwei Männer und eine Frau unterhalten sich
Nach zwei Jahren Coronapause genossen die 250 Teilnehmer die Gelegenheit zum persönlichen Austausch. (v.l.n.r. Christine Schmaus (ift mit Hans Heusinkvel (SvedexDeu-renB.V.) und Boris Geist (DextüraInnentürsysteme)) (Quelle: ift Rosenheim)
Drei Männer unterhalten sich
Nach zwei Jahren Coronapause genossen die 250 Teilnehmer die Gelegenheit zum persönlichen Austausch. (v.l.n.r. Dr. Jochen Peichl und Roland Fischer (ift) mit Mark Barsby (BSI)) Quelle: ift Rosenheim)
Zwei Männer unterhalten sich und lachen
Nach zwei Jahren Coronapause genossen die 250 Teilnehmer die Gelegenheit zum persönlichen Austausch. (v.l.n.r. Prof. Ulrich Sieberath (ift) und Bernhard Leiße (Sauer-länder Spanplatten)) Quelle: ift Rosenheim)

Es war ein optimales Timing – denn am Mittwochmorgen berichteten die Medien über den Arbeitsplan „Energieeffizienz“ von Wirtschaftsminister Robert Habeck und dessen Regeln, Förderungen und Anreizen für die dringend notwendige Energieeinsparung im Gebäudesektor, bei der die Sanierung bestehender Gebäude durch den Austausch alter Fenster, Außentüren und Heizanlagen im Fokus steht. Für den Neubau wird das Gebäudeenergiegesetz (GEG) überarbeitet und ab 2023 soll die Effizienzklasse EH 55, ab 2025 EH 40 sowie eine Pflicht für Solardächer gelten. Die jetzige Krise sieht Habeck als große Chance Fehlanreize zu stoppen und mehr Dynamik für innovative Produkte und Unternehmen zu entwickeln.

Institutsleiter Prof. Jörn Peter Lass (ift Rosenheim) knüpfte in seinem Vortrag direkt an diese aktuellen politischen Vorgaben an und erläuterte, welche Normen, Regeln und Zertifikate für mehr Nachhaltigkeit, Recycling und weniger CO2-Emissionen in Zukunft von Bedeutung sind. Die in Arbeit befindliche Bauproduktenverordnung (BauPVO) wird viel stärker als bisher Kriterien und Daten aus einer Ökobilanz, Umweltproduktdeklaration (EPD) n. EN 15804+A2 und CO2-Emissionen ins Zentrum stellen. Das hat direkte Auswirkungen auf die Entwicklung neuer Konstruktionen und dabei besonders die Recyclingfähigkeit, die gerade für Verbundsysteme nicht leicht zu realisieren ist. Im Weiteren forderte er, dass neue Produkte resilienter gegen Klimaextreme werden müssen, beispielsweise gegenüber Hochwasser, Stürmen oder Hitze. Er kündigte an, dass das ift Rosenheim für Bauelemente geeignete „Leitlinien“ für die Bewertung der Nachhaltigkeit und EPDs entwickeln wird, um die Umsetzung für Hersteller zu vereinfachen und einen Vergleich zu ermöglichen.

Nachfolgend beschrieb der NDR Meteorologe Frank Böttcher mit großer Sachkenntnis und Leidenschaft den aktuellen Stand und die Zusammenhänge des Klimawandels. Derzeit steuern wir auf eine Temperaturerhöhung von ca. 4° C zu, bei der wir mit einer extremen Zunahme von Hitzewellen, Dürren und lokalem Starkregen rechnen müssen. Er mahnte die anwesenden Entscheider der Tür- und Torbranche eindringlich jetzt zu handeln und eine Zeitenwende für den Klimaschutz zu starten. Denn es liegt auch in der Hand der Industrie mit energieeffizienten, nachhaltigen und leicht zu montierenden Bauelementen den Umbau des Gebäudebestands zu ermöglichen und damit die CO2-Emissionen zu reduzieren. Ansonsten droht uns ein „Klimachaos“, insbesondere wenn gefährliche Kipp-Punkte wie der Verlust des arktischen Eisschildes und der Gebirgsgletscher eintreten. Weiterhin schilderte er eindrucksvoll die gefährlichen Auswirkungen des Klimawandels, die wir bereits heute sehen. Dazu zählen Brandkatastrophen aufgrund von Hitzewellen und Dürren genauso wie lokaler Starkregen, Dieser kann innerhalb von Minuten zu „Flashfloods“ führen und Häuser und Menschen gefährden. Er appellierte daher beim Neubau und bei der Sanierung von Gebäuden Bauelemente einzusetzen, die diesen Klimafolgen besser standhalten.

Auch Martin Langen (B+L Marktdaten) ging in seinem Vortrag auf die kurz- und mittelfristigen Folgen des Klimawandels ein. Er zeigte, dass die Änderungen der Investitionskriterien bei strukturellen Anlegern (Bloom, Environmental, Social and Governance Index (ESG) u.a.) einen erheblichen Einfluss auf die nationalen und internationalen Geldflüsse haben. Dies führt dazu, dass Banken und Fonds alte und unsanierte Immobilien abstoßen und dafür neue oder energetisch sanierte Gebäude kaufen. In einigen Ländern gibt es bereits Vermietungs- und Verkaufsverbote für unsanierte Gebäude mit hohem Energieverbrauch (Frankreich, Niederlande, Belgien), mit denen der EU-Sanierungsfahrplan für den Gebäudesektor umgesetzt wird. Insgesamt prognostizierte er der Baubranche dennoch ein nachhaltiges Wachstum, das nur kurzfristig durch höhere Baukosten, Facharbeitermangel und leicht steigende Zinsen gebremst wird. Begründung sind die andauernde Zuwanderung, der Zwang zur energetischen Sanierung sowie hohe Sparquoten. Von diesen Entwicklungen werden vor allem Anbieter profitieren, die nachhaltige und energieeffiziente Bauprodukte anbieten, die sich einfach und kostengünstig montieren lassen und für den Sanierungsmarkt optimal geeignet sind. Im Bereich des selbstgenutzten Eigenheims durch finanzstarke „Silver Ager“ sind dabei Nachhaltigkeit, Barrierefreiheit und Qualität wichtiger als der reine Produktpreis. Im Neubau und in der Sanierung von Mietwohnungen sind Standardisierungen und serielles Bauen gefragt, um die gesamten Baukosten zu senken. Die Sanierung alter Fenster und ungedämmter Dächer haben dabei Priorität, weil sich damit der energetische Standard schnell verbessern lässt und den Einsatz von Wärmepumpen überhaupt erst sinnvoll macht.

Die optimale Ergänzung zu den Key Speakern war der von Christian Kehrer (ift) moderierte Themenblock Nachhaltigkeit. Denn die Referenten zeigten konkret auf, wie Hersteller die Nachhaltigkeit und den CO2-Fußabdruck des Unternehmens und der Produkte verbessern können. Christoph Seehauser (ift) erläuterte detailliert, warum die Ökobilanz n. ISO 14040 und die Umweltproduktdeklaration n. ISO 15804 die wichtigsten Instrumente zur Ermittlung der Umweltwirkungen sind und wie die notwendigen Daten einfach ermittelt werden können. Um ein ehrliches und aussagekräftiges Ergebnis zu erhalten, sollte die Bilanzierung aber über den gesamten Lebenszyklus erfolgen, also inkl. der Nutzungszeit. Ansonsten wird eine EPD schnell zur „Mogelpackung“. Andreas Flad (KlimaAktiv Consulting) erklärte, wie nicht nur Produkte, sondern das gesamte Unternehmen seine Klimabilanz verbessern kann. Aber auch hier gilt es, den gesamten Bilanzierungsrahmen zu betrachten und energieintensive Produktionsbereiche oder Zulieferprodukte nicht einfach außen vor zu lassen. Er empfahl der Branche, sich auf einheitliche „Leitlinien“ zu einigen, um „Mogelpackungen“ zu vermeiden. Werner Kammerlohr (ift) verkündete die frohe Botschaft, dass Firmen mit etablierten Energie- und Umweltmanagementsystemen bereits 60-70 % der Arbeiten für eine Umweltbilanzierung von Produkt und Unternehmen geleistet haben, weil die wichtigsten Daten vorliegen. Aus seiner langjährigen Erfahrung als Auditor wusste er außerdem zu berichten, dass die Kosten von Managementsystemen nach ISO 14001 und ISO 50001 durch die Einsparung von Material, Produktionszeit und Energie meistens überkompensiert werden.

Der Themenblock Brandschutz war wie immer gut besucht, weil die Entscheider der Tür- und Torbranche hier aktuelle Fakten aus der Normung und Prüfpraxis für die Erstellung effizienter Prüfpläne erhalten. Dieses Wissen ist notwendig, um technische Lösungen für Produkte mit Brand- und Rauchschutz zu entwickeln und nachfolgende die notwendigen Brandprüfungen erfolgreich organisieren zu können. Dr. Gerhard Wackerbauer und Anyke Aguirre Cano vom ift Rosenheim berichteten über aktuelle Änderungen aus der Normung, neue EXAP-Regeln, die CE-Kennzeichnung über eine „europäisch-technische Zulassung (EAD), Prüfregeln und nationale Zulassungsverfahren sowie den richtigen Umgang mit Bausätzen für Feuer- und Rauchschutzabschlüsse (FSA) – alles Insiderwissen aus der Normung mit echtem Mehrwert für die Teilnehmer.

Abgerundet wurden die Rosenheimer Tür- und Tortage durch weitere Vorträge mit hohem Praxisnutzen. Prof. Christian Niemöller erklärte leicht verständlich, mit welchen rechtlichen Instrumenten Hersteller und Montagebetriebe die Abnahme von Bauvertragsleistungen vorzeitig erreichen und so die hohen Haftungsrisiken und Reklamationskosten reduzieren können. Robert Krippahl (ift) referierte über die Auswirkungen der neuen Einbruchnorm EN 1627 und der überarbeiteten TS 18194 sowie die Konsequenzen durch die Einführung der PAS 24. Anschließend informierte Konrad Querengässer (ift) über Prüfkriterien und Klassifizierungen der Einbruchhemmung von elektromechanischen Bauteilen auf Basis einer neuen Richtlinie. Sepp Moosreiner (LKA Bayern) präsentierte die aktuellen Anforderungen für Anbieter zur Aufnahme in das KPK-Herstellerverzeichnis. Dr. Anemon Strohmeyer (VHI) und Andreas Schmidt (ift) berichteten über die neue RAL-Richtlinie und die ift-Einsatzempfehlungen für Innentüren und Stephan Schmidt (FVSB) informierte über den aktuellen Normenstand bei Schlössern und Beschlägen. Anschließend zeigten Mark Barsby (BSI) und Roland Fischer (ift), wie Hersteller die notwendigen Prüfnachweise, Zertifikate und Überwachungen für das ab 2023 obligatorische UKCA-Mark einfach in Deutschland bekommen können. Im Themenblock „Montage und Qualität“ informierte Joachim Oberrauch (Finstral) über die Vorteile beim Einbau von Fenstern und Außentüren mittels moderner Montagezargen und Ingo Leuschner (ift) über die Vermeidung typischer Schadensfälle. Frank Lange (VFF) präsentierte die neuen Strategien der Gütesicherung von Haus- und Außentüren, insbesondere wie die Anforderungen an die Nachhaltigkeit in das RAL-System integriert werden. Der Themenblock „Prüfpraxis“ brachte viele Tipps zur effizienten Organisation und Durchführung der notwendigen Prüfungen. Dr. Joachim Hessinger (ift) und Michael Breckl-Stock (ift) präsentierten die Möglichkeiten und Vorteile des neuen ift Schall-Labors und Maximilian Denkl (ift) erklärte gemeinsam mit Prof. Benno Eierle (TH Rosenheim) die Nachweisverfahren für die Windlast – wahlweise per Berechnung oder auf dem Prüfstand.

In Verbindung mit dem stimmungsvollen Bayerischen Abend waren die 12. Rosenheimer Tür- und Tortage eine rundum gelungene Veranstaltung mit hohem Praxisnutzen und persönlichem Austausch, den alle Teilnehmer nach 2 Jahren Corona sichtlich genossen. Das sollte genügend Ansporn für die Tür- und Torbranche sein die Zeitenwende „Klimaschutz“ engagiert, wirksam und optimistisch zu starten.

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Jürgen Benitz-Wildenburg

Leiter PR & Kommunikation

Das ift Rosenheim ist der Vermittlung des erworbenen Wissens an Bauschaffende, Planer und interessierte Bauherren verpflichtet, die sich mit Fenstern, Fassaden, Glas, Türen, Toren und Baustoffen beschäftigen. 

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