Überhitzung von Innenräumen

Hitzefolgen und Gesundheitsrisiken im Detail

Lesezeit: 14 Minuten

Die Zunahme von Hitzewellen erhöht die gesundheitliche Belastung und das Sterberisiko. Der Beitrag zeigt daher die Zusammenhänge von Überhitzung, Gesundheitsrisiken und Prävention im Detail auf.

Auf der Tabelle sind die Todesfälle durch Extremwetterereignistypen und Verletzte durch Extremwetterereignisse jeweils in Deutschland Europa und Global. Die Extremwetterereignistypen sind Hitze, Kälte, Stürme und Überschwemmung. Die Angaben sind jeweils Anteilig auf hundert Prozent.
Bild 1: Personenschäden durch unterschiedliche Extremwetterereignistypen (Hitze, Kälte, Stürme und Überschwemmungen) zwischen Januar 2000 und Oktober 2023.
(Quelle: Ergänzung zu RKI Teil 2, Hitze in Deutschland)

Im Sommer Hitzewellen und fast das ganze Jahr die Gefahr von lokalem Starkregen – das sind die spürbaren Folgen des Klimawandels in Deutschland. Während über Hochwasser und Überschwemmungen in den Medien intensiv berichtet wird, sind die Folgen bei Hitzewellen nur wenige Schlagzeilen wert – obwohl deutlich mehr Menschen an Hitze als an Überschwemmungen sterben. Der Dreiteiler zum Hitzeschutz informiert deshalb über die Gesundheitsrisiken, konstruktive Hitzeschutzmaßnahmen und die Nachweise und Kennwerte von Verschattungen. Planer, Ingenieure und ausführende Firmen sollen so bei der Information und Beratung von Bauherren unterstützt werden, damit die notwendigen Maßnahmen beim Neubau und der Sanierung von Gebäuden besser genutzt werden.

Überhitzung in Deutschland

Aktuelle Prognosen zeigen eine deutliche Zunahme von Hitzewellen mit Temperaturen von 30 °C und mehr. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) definiert eine Hitzewelle, sobald die Temperatur an mindestens drei aufeinanderfolgenden Tagen über 28 °C liegt. Kritisch wird es, wenn Gebäude sich wegen unzureichendem Sonnenschutz und fehlender Nachtlüftung nach einigen Tagen erhitzen und Menschen sich nicht mehr ausreichend erholen können. Dies gilt vor allem für hitzevulnerable Gruppen (Säuglinge, Kleinkinder, alte/kranke Menschen, Menschen mit Handicap sowie Wohnungslose). In Deutschland werden zwar keine offiziellen Statistiken erhoben, aber an den sehr heißen Tagen zwischen dem 23. Juli und dem 9. August 2018 lag die Übersterblichkeit nach Zahlen aus 15 statistischen Landesämtern bei 8.000 Menschen. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hat deshalb ein zweistufiges Warnsystem entwickelt (starke Wärmebelastung bei gefühlter Temperatur an zwei Tagen in Folge über 32 °C und extreme Wärmebelastung über 38 °C). 

Auf dem Bild sind zwei Deutschlandkaten zu sehen, links im Zeitraum von 1971- 2000 und rechts eine aktuelle aus dem Jahr 2024. Die Karten zeigen jeweils die heißen Tage in Deutschland. Beim Vergleich fällt auf, dass im Jahr 2024 deutlich mehr heißere Tage im Jahr sind.
Bild 2: Extreme Anzahl von Hitzetagen (Tage mit Höchsttemp. von min. 30 °C) am Beispiel 2024 zeigt das Ausmaß des Risikos (DWD Klimaatlas, https://www.dwd.de/DE/klimaumwelt/klimaatlas/klimaatlas_node.html)

Auswirkungen und Risiken von Hitzewellen

Der anthropogene (durch den Menschen verursachte) Temperaturanstieg führt zu einer deutlichen Häufung heißer Tage, Tropennächten und intensiver Hitzewellen, deren gesundheitliche Relevanz zunehmend auch in den Fokus wissenschaftlicher Analysen, gesundheitspolitischer Debatten und öffentlicher Wahrnehmung rückt. Diese klimatischen Veränderungen wirken sich auf vielfältige Weise auf die menschliche Gesundheit aus. In den letzten Jahrzehnten gab es hunderte von Studien und wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu diesem Themenkreis. Der Stand dieser Erkenntnisse wird regelmäßig von renommierten nationalen und internationalen medizinischen Institutionen zusammengefasst. Dennoch wird auf die Gefahren in der öffentlichen Diskussion und auch in der Gebäudeplanung und Beratung von Bauherren immer noch zu wenig hingewiesen. Deshalb sollte jeder Bauexperte die Grundlagen der Risiken kennen.

Auf dem Bild ist die Wärmeabgabe eines Menschen an die Umgebung zu sehen.
Bild 3: Mechanismen der Thermoregulation des menschlichen Körpers (Quelle: BGHM)

Wärmeregulation des Menschen

Die zentrale Kenngröße zum Verständnis und der Beurteilung der gesundheitlichen Risiken und Folgen bei Hitzewellen ist die „Körpertemperatur“ (genauer Körperkerntemperatur) die durch Regelmechanismen konstant gehalten wird, um optimale Bedingungen für Stoffwechselvorgänge und das Funktionieren der Organe zu gewährleisten. Bei Überhitzung wird die Wärmeabgabe durch verstärkte Durchblutung der Haut und Schweißabsonderung (Verdunstungskälte) erhöht. Bei großer Hitze und starker körperlicher Aktivität kann die Kerntemperatur um 1 bis 2 °C ansteigen; bei gesunden Erwachsenen ist dies ohne gesundheitliche Beeinträchtigung möglich. Die Temperatur der Körperschale (Haut und periphere, stoffwechselarme Körperteile wie Arme, Beine, Ohren und Nase) ist jedoch niedriger als die Kerntemperatur und beträgt bei 15 °C Lufttemperatur nur noch etwa 24 °C. Die Fingertemperatur kann sogar kurzfristig und schadlos bis 5 °C absinken.

Weicht die Körperkerntemperatur jedoch um mehrere Grad vom Normbereich ab, so können erhebliche Gesundheitsschäden bis zum Tod auftreten. Bei einer Überwärmung des Körpers (Hyperthermie), z. B. durch einen längeren Aufenthalt in warmer Umgebung, körperliche Anstrengung oder fehlende Möglichkeit der Wärmeabgabe kommt es zu Hitzeschäden wie Sonnenstich, Hitzeerschöpfung, Hitzekollaps, Hitzekrampf, Hitzschlag, Hitzeödem und als extremste Form, den Hitzetod. 

Der menschliche Organismus ist in der Lage, seine Körpertemperatur innerhalb enger Grenzen konstant zu halten. Bei erhöhten Umgebungstemperaturen erfolgt die Wärmeabgabe primär durch Schweißproduktion und Konvektion. Dieser Mechanismus kann jedoch bei hohen Außentemperaturen, hoher Luftfeuchtigkeit oder unzureichender Luftzirkulation überfordert werden. Besonders kritisch wird es, wenn die sogenannte „gefühlte Temperatur“ – ein biometeorologischer Index aus Temperatur, Luftfeuchte, Strahlung und Wind – Werte über 32 °C erreicht. In solchen Situationen ist die Fähigkeit des Körpers zur Wärmeabgabe stark eingeschränkt. Eine Studie an älteren Erwachsenen (> 65 Jahre) zeigte, dass sich durch Ventilatoren bei höheren Luftgeschwindigkeiten zwar der thermale Komfort verbessern könnte, aber es keinen signifikanten Effekt auf die Körperkerntemperatur und damit auf die Reduzierung gesundheitlicher Risiken gibt.

Körperliche Belastungen

Ein großer Teil der hitzebedingten Morbidität und Mortalität ist auf kardiovaskuläre Komplikationen zurückzuführen – also erhöhte Herzfrequenz, Kreislaufbelastung und in Folge ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkte, Herzrhythmusstörungen und Herzinsuffizienz (Herzschwäche). Bereits eine moderate Erhöhung der Umgebungstemperatur führt bei vulnerablen Personen (vorbestehende Herz-Kreislauf-Erkrankungen) und älteren Menschen zu einem erhöhten Risiko. Dies zeigt auch die Zunahme von Krankenhauseinweisungen wegen kardiovaskulärer Diagnosen und plötzlichem Herztod bei Hitzewellen. Die pathophysiologischen Mechanismen umfassen auch eine Bluteindickung infolge von Flüssigkeitsverlusten (Hämokonzentration) sowie die Begünstigung von Thrombosen.

Auf dem Bild zu sehen sind die direkten und indirekten Auswirkungen auf die Gesundheit unter Einbezug der sozailen Faktoren.
Bild 4: Direkte und indirekte Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit
(Quelle: [2] Robert Koch-Institut (Hrsg.) (2023): Sachstandsbericht Klimawandel und Gesundheit, Teil 1. Journal of Health Monitoring 8(S3), DOI: 10.25646/11644Seite 16)

Nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen stellen Atemwegserkrankungen die zweithäufigste Ursache für Mortalität und Morbidität dar. Das Atmungssystem wird durch eine verstärkte Ozonbildung bei hohen Temperaturen belastet und die Schleimhäute reizt und zu einer Verschlechterung der Lungenfunktion sowie Asthmaanfälle auslöst und Bronchitis sowie chronisch obstruktive Lungenerkrankungen (COPD) verschlimmert. Hinzu kommen durch Hitze bedingte Feinstaub- und Pollenbelastungen, die ebenfalls Atembeschwerden auslösen oder verstärken. Besonders bei älteren Menschen mit chronischen Lungenerkrankungen oder eingeschränkter Lungenfunktion sind die Risiken erheblich.

Ein weiteres Risiko betrifft die Nieren und den Flüssigkeitshaushalt, denn Hitzebelastung führt zu vermehrtem Schwitzen, was ohne adäquate Flüssigkeitszufuhr zu Dehydratation führt. Die hierdurch verringerte Nierendurchblutung kann bei vorbestehender Niereninsuffizienz zu akutem Nierenversagen führen. Auch das Risiko für Harnwegsinfekte, Harnkonzentration und Nierensteinbildung steigt bei Dehydration erheblich.

Ein hohes Risiko für sogenannten exertionalen Hitzerkrankung ergibt sich auch bei körperlicher Aktivität unter Hitzeeinwirkung – beispielsweise im Bauwesen oder in der Landwirtschaft – bei der massive Flüssigkeits- und Elektrolytverluste auftreten. Diese können ohne ausreichende Kompensation zu lebensbedrohlichen Zuständen führen. Besonders gefährdet sind hier wieder ältere Menschen, die oft ein vermindertes Durstempfinden und eingeschränkte Mobilität aufweisen.

Der Zusammenhang und Wechselwirkungen von Medikamenten bei Hitze ist ein weitgehend unbekanntes und unterschätztes Risiko. Denn viele Medikamente beeinflussen die Thermoregulation, den Flüssigkeitshaushalt oder die Flüssigkeitsausscheidung über die Nieren. Dazu gehören Blutdruckersenker wie Betablocker und ACE-Hemmer, entwässernde Medikamente (Diuretika), Anticholinergika (Therapie von chronisch obstruktiver Lungenerkrankung COPD und überaktiver Blase) sowie Neuroloptika, die zur Gruppe der Psychopharmaka gehören. Diese Substanzen können die Fähigkeit des Körpers zur Temperaturregulation herabsetzen oder eine Dehydratation begünstigen. Auch das Risiko für medikamenteninduzierte Nebenwirkungen ist bei hohen Temperaturen erhöht, etwa durch eine verminderte Verstoffwechselung der Medikamente in der Leber oder veränderte Konzentrationen von Wirkstoffen im Blutplasma. Gerade in Pflegeeinrichtungen oder bei Menschen mit Vorerkrankungen (multimorbid) ist eine sorgfältige Medikamentenüberprüfung während Hitzeperioden angezeigt. 

Neben akuten Hitzewellen begünstigen höhere Temperaturen und veränderte Niederschläge allgemein auch die Verbreitung von Krankheitsüberträgern (Vektoren) wie Mücken oder Zecken sowie die Ausbreitung wasser- und lebensmittelgebundener Krankheitserreger durch Klimaerwärmung begünstigt (Vibrioneninfektionen mit Magen-Darm-Erkrankungen, Cholera, Wundinfektionen sowie Salmonellen- oder Campylobacter-Infektionen aus verdorbenen Lebensmitteln).

Lebensgefährliche Hitzefolgen

Die gesundheitlichen Auswirkungen von Hitze mit schwerwiegenden medizinischen Notfällen und potenziell tödlichem Ausgang steigen mit der Länge und Intensität einer Hitzewelle deutlich an ( über 3 Tage), insbesondere wenn die nächtliche Erholung in Tropennächten (> 20°C) und aufgeheizten Innenräumen schwierig wird. Dabei spielt die individuelle Exposition – also Intensität, Dauer und Zeitpunkt der Hitzeeinwirkung – ebenso eine Rolle wie die Anpassungsfähigkeit der betroffenen Person. Hitzeschlag, Hitzekollaps und Sonnenstich sind lebensgefährliche Folge einer Hitzewelle. 

Bei einem Hitzeschlag nimmt der Körper bei hohen Temperaturen mehr Wärme auf als er wieder an die Umgebung abgibt. Dann gerät die Körpertemperatur außer Kontrolle und kann innerhalb von zehn bis 15 Minuten bis auf 41°C steigen. Ein Hitzschlag entwickelt sich sehr schnell (1-6 Stunden) und kann in weniger als 24 Stunden zum Tod führen und erfordert eine ärztliche Versorgung. Symptome sind eine ungewöhnliche Unruhe, extrem hohe Körpertemperatur (oral gemessen über 39°C), eine heiße/rote/trockene Haut, Kopfschmerzen, Schwindelgefühl, Schläfrigkeit, starkes Durstgefühl, Verwirrtheit, Krampfanfälle, eine Eintrübung des Bewusstseins bis zur Bewusstlosigkeit. Geeignete Gegenmaßnahmen sind Verlagerung des Betroffenen an kühlen Ort, lauwarme Getränke, Bekleidung lockern bzw. Oberbekleidung ausziehen und Kühlung durch feuchtkühle Umschläge und leichten Luftzug. 

Bei einem Hitzekollaps führt die anhaltende Hitze zur intensiven Durchblutung der Haut zwecks Wärmeabgabe und in Folge zu einer kritischen Blutdrucksenkung. Dabei wird die Hirndurchblutung so vermindert, dass es zu kurzfristiger Bewusstlosigkeit und zum Kollaps kommt. Die Gegenmaßnahmen sind ähnlich wie bei einem Hitzeschlag.

Der Sonnenstich wird durch eine starke Sonneneinstrahlung auf den unbedeckten Kopf verursacht, der zu einer Entzündung der Hirnhäute (aseptische Meningitis) und einer gefährlichen Schwellung des Hirngewebes (Hirnödem) führt. Symptome sind starke Kopfschmerzen, Nackensteife, Lichtscheu, Übelkeit, Erbrechen, Bewusstseinstrübung. Die Gegenmaßnahmen sind ähnlich wie bei einem Hitzeschlag und Hitzekollaps.

Bevor es zu diesen schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen kommt, führt eine zu niedrige oder zu hohe Umgebungstemperatur bereits zu einem reduzierten Behaglichkeitsempfinden des Menschen, einer verringerten geistigen und körperlichen Leistungsfähigkeit sowie zu gesundheitlichen Belastungen bei vulnerablen Personen (s. Abs. 4).

Psychische Gesundheit

Ebenso rückt die psychische Gesundheit zunehmend in den Fokus, weil hier die Krankenausfallrate kontinuierlich steigt. Auch hier wird das psychophysiologische Befinden und die Leistungsfähigkeit während Hitzeperioden erheblich beeinflusst, aber auch längerfristige Entwicklungen wie das Fortschreiten klimabezogener Ängste, sozialer Belastungen, psychiatrischer Krankheitsbilder. Bereits moderate Hitzebelastungen wirken sich negativ aus und führt zu erhöhter Reizbarkeit, Konzentrationsstörungen und Schlafproblemen, insbesondere in Tropennächten mit Nachttemperaturen über 20 °C fallen. Schlafdefizite verstärken psychische Belastungen, fördern depressive Symptomatiken und reduzieren die kognitive Leistungsfähigkeit. Dies erhöht das Risiko von Unfällen, aggressivem Verhalten und die Reduktion sozialer Toleranz („Heat-Aggression Link“).

Hitzebedingte Mortalität (Sterblichkeit)

Bei Hitzeperioden lässt sich deshalb ein deutlicher Anstieg der Gesamtmortalität nachweisen (Übersterblichkeit). Hitzebedingte Todesfälle ergeben sich nicht allein durch offensichtliche Diagnosen wie Hitzschlag, sondern meistens durch unspezifische Zusatzbelastungen bei bestehenden Erkrankungen. Diese werden aber in der amtlichen Todesursachenstatistik bislang nicht gesondert ausgewiesen, so dass die Hitzerisiken noch oft unterschätzt werden.

In dem Diagramm sind die geschätzte Anzahl hitzebedingter Sterbefälle in Deutschland zu sehen. Auf der y-Achse ist die Absolute Anzahl und auf der x-Achse die Jahr von 1992 bis 2020.
Bild 5: Geschätzte Anzahl hitzebedingter Sterbefälle für den Zeitraum 1992–2021 in Deutschland. Jahre mit einer signifikanten Anzahl hitzebedingter Sterbefälle (Deutsches Ärzteblatt, Heft 26, 1. Juli 2022)

Epidemiologische Evidenz (Nachweis) hitzebedingter Mortalität

Seit der Hitzewelle im Sommer 2003, bei der europaweit mehr als 70.000 zusätzliche Todesfälle registriert wurden, rückt die hitzebedingter Mortalität langsam auch in das öffentliche und wissenschaftliche Bewusstsein. Für Deutschland wurden im Sommer 2003 rund 7.600 zusätzliche Todesfälle geschätzt, insbesondere in den südwestlichen Regionen. Auffällig ist dabei nicht nur die absolute Zahl der Todesfälle, sondern auch die zunehmende Häufung von Jahren mit signifikanter Hitzemortalität.

Soziodemografische Unterschiede in der Hitzemortalität

Hitzebedingte Mortalität betrifft nicht alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen, sondern gefährdet „vulnerable“ Gruppen besonders.

  1. Ältere Menschen
    Der größte Teil der hitzebedingten Todesfälle entfällt auf Personen über 75 Jahre. Dies ist auf eine Kombination physiologischer Veränderungen, verringerter Thermoregulation, reduzierter Mobilität in Verbindung mit multiplen chronischen Erkrankungen zurückzuführen.
  2. Alleinlebende Personen
    Alleinlebende Menschen haben ein erhöhtes Risiko für hitzebedingte Komplikationen, da sie häufig später Hilfe erhalten oder weniger soziale Unterstützung bei präventiven Maßnahmen erfahren.
  3. Menschen in städtischen Hitzeinseln
    Urbanisierte Gebiete mit hoher Flächenversiegelung und geringer Durchgrünung weisen eine deutlich höhere nächtliche Hitzebelastung auf. Dies erhöht das Risiko insbesondere in Sozialwohnungen und schlecht isolierten Altbauten.
  4. Sozial benachteiligte Gruppen
    Menschen mit niedrigem Einkommen haben oft schlechtere Wohnbedingungen, eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung und weniger Ressourcen für präventive Maßnahmen (z. B. Ventilation, Klimaanlage).

Die gesundheitlichen Auswirkungen von Hitze sind keineswegs gleichmäßig über die Bevölkerung verteilt. Ein erhöhtes Risiko ergibt sich nicht nur aus individuellen physiologischen Eigenschaften, sondern ist in hohem Maße durch soziale, ökonomische und strukturelle Faktoren bedingt. Die Analyse dieser „Vulnerabilitäten“ – also der Anfälligkeit gegenüber negativen Folgen eines äußeren Stressors – ist daher von zentraler Bedeutung für das Verständnis und die Vorbeugung der gesundheitlichen Folgen der Klimaerwärmung – auch bei der Planung und dem Bau neuer Gebäude bzw. der Sanierung. 

Ein weiteres Risiko ist die berufliche Exposition bei Hitze, der häufig übersehen wird. Menschen, die im Freien arbeiten sind während Hitzewellen besonders gefährdet, beispielsweise im Bauwesen, in der Landwirtschaft, im Garten- und Landschaftsbau, bei der Müllentsorgung oder im Zustelldienst. Diese Arbeitsbedingungen lassen sich nicht ohne Weiteres anpassen, da betriebliche oder wirtschaftliche Zwänge die Einhaltung von Hitzeschutzmaßnahmen einschränken.

Die Kombination aus körperlicher Belastung, direkter Sonneneinstrahlung und fehlender Möglichkeit zur Regeneration führt zu einem erhöhten Risiko für Hitzeerschöpfung, Dehydratation und Unfälle. Studien zeigen eine erhöhte Unfallrate bei hohen Außentemperaturen durch Konzentrationsminderung, Koordinationsstörungen oder Kreislaufprobleme.

Leistungsfähigkeit

Gesundheit und Behaglichkeit beeinflussen die Produktivität und Leistungsfähigkeit von Beschäftigten in erheblichem Ausmaß. Daher ist eine genauere Kenntnis der Auswirkungen von Hitze sowie hitzebezogenem Arbeitsschutz wichtig. Die Hitzebelastung bei Tätigkeiten im Freien (Hoch-, Tief- und Gartenbau u. a.) ist offensichtlich, aber auch Tätigkeiten in Innenräumen (Büros, Schulen, Pflegeeinrichtungen oder Werkhallen) sind immer stärker von Überhitzung betroffen, insbesondere bei nicht klimatisierten Arbeitsplätzen.

Produktivitätseinbußen

Studien zeigen einen deutlichen Zusammenhang zwischen Raumtemperatur und Produktivitätsverlusten, die bei Raumtemperaturen über 30 °C zwischen 3 bis 12 % liegen und in Deutschland zu wirtschaftlichen Verluste von mehrere Milliarden Euro pro Jahr führen. Im globalen Maßstab prognostiziert die International Labour Organization (ILO), dass bis zum Jahr 2030 durch Hitzestress jährlich rund 2,2 % der weltweit verfügbaren Arbeitszeit verloren gehen werden – das entspricht etwa 80 Millionen Vollzeitstellen. Unter Annahme stärkerer Exposition (z. B. Arbeit in direkter Sonne) erhöht sich dieser Wert sogar auf 3,8 %, was 136 Millionen Vollzeitstellen entspricht. Besonders stark betroffen sind in Europa die südlichen Regionen sowie südasiatische und westafrikanische Regionen mit einem prognostizierten Arbeitszeitverlust von über 5 %. Die finanziellen Verluste infolge hitzebedingter Produktivitätseinbußen werden für 2030 auf ca. 2.400 Milliarden US-Dollar geschätzt. Hinzu kommt eine mentale Belastung, wenn Beschäftigte keine Möglichkeit haben die Temperatur oder Lüftung in ihrer Arbeitsumgebung selbst zu regulieren. Diese empfundene Unkontrollierbarkeit der Arbeitsumgebung führt dann zu weiterem Stress, Unzufriedenheit und verminderter Motivation. Diese Faktoren können langfristig die Arbeitszufriedenheit und die psychische Gesundheit der Beschäftigten zusätzlich beeinträchtigen.

DAK-Gesundheitsreport 2024

Der aktuelle DAK-Gesundheitsreport 2024 analysiert die Krankheitsdaten von 2,4 Mill. Versicherten aus 2023 und behandelt als Schwerpunktthema die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels (speziell von Hitze) auf die Beschäftigten. Analysiert wurden die Auswirkungen hoher Temperaturen auf die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Arbeitsfähigkeit. Im Sommer 2023 gaben 23 % der befragten Erwerbstätigen an, dass sie während der Arbeit stark durch Hitze belastet wurden und 40 % eine mäßige Belastung. Über die Hälfte der Beschäftigten gibt an, nicht so produktiv wie üblich gewesen zu sein und über zwei Drittel empfinden eine Einschränkung der persönlichen Leistungsfähigkeit. Rund ein Fünftel der Befragten berichtete sogar über gesundheitliche Beschwerden im Zusammenhang mit Hitze, insbesondere Abgeschlagenheit, Schlafprobleme, übermäßiges Schwitzen und Kreislaufbeschwerden. In der Nacht fühlte sich fast jeder fünfte Beschäftigte stark belastet. Diese Symptome treten nicht nur bei Tätigkeiten im Freien, sondern auch in überhitzten Innenräumen auf. Für alle Beschäftigten in Häusern oder Hallen gilt ab 26 Grad eine Beeinträchtigung der kognitiven Fähigkeiten, welche zu Leistungsminderung und Kreislaufproblemen führen. 

Dies wird auch durch die Auswertung der Krankschreibungen im Jahresverlauf belegt, die einen deutlichen Anstieg hitzeassoziierter Diagnosen in den heißen Sommermonaten zeigt, etwa Kreislauferkrankungen. Es besteht ein starker Zusammenhang zwischen der Außentemperatur und der Zahl entsprechender Arbeitsunfähigkeitsmeldungen. 

Anteile der Beschäftigten mit den jeweiligen Beschwerden durch Hitze an allen Beschäftigten mit gesundheitlichen Beschwerden bei Hitze gesamt sowie nach Arbeitsort und Arbeitsweise.
Bild 6: Anteil der Beschäftigten (an allen Beschäftigten) mit gesundheitlichen und allgemeinen Beschwerden durch Hitze, mit Differenzierung nach Arbeitsort und Arbeitsweise
(Abb. 146 aus DAK-Gesundheitsreport 2024)
Die Grafik zeigt den Anteil der Beschäftigten nach Einschätzung zum betrieblichen Umgang mit Hitzeschutz nach Tätigkeitsniveau.
Bild 7: Anteil Beschäftigter nach Einschätzung zum betrieblichen Umgang mit Hitzeschutz nach Tätigkeitsniveau (Tab. A15, DAK-Gesundheitsreport 2024)

Betriebliche Hitzeschutzmaßnahmen

Etwa drei Viertel der Befragten in der DAK-Studie können im Betrieb auf Maßnahmen wie Abdunklung, Beschattung oder bereitgestellte Getränke zurückgreifen. Deutlich seltener sind organisatorische Maßnahmen wie flexible Arbeitszeiten oder angepasste Pausenregelungen, die jedoch zu den meistgewünschten Maßnahmen gehören – insbesondere bei Beschäftigten in körperlich fordernden Berufen. Betriebliche Hitzeschutzmaßnahmen sind also bereits vorhanden, aber noch ausbaufähig. Ein Viertel der Befragten rechnet damit, dass sich die Arbeitsbedingungen durch eine Zunahmen von Hitzewellen verschlechtern werden.

Literatur

  1. Michael Gekle, Dominique Singer: Wärmehaushalt und Temperaturregulation. In: Hans-Christian Pape, Armin Kurtz, Stefan Silbernagl (Hrsg.): Physiologie. 7. Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-13-796007-2, 13. Kapitel, S. 566–584.
  2. Robert Koch-Institut (Hrsg.) (2023): Sachstandsbericht Klimawandel und Gesundheit 
    Teil 1. Journal of Health Monitoring 8(S3), DOI: 10.25646/11644
    Auswirkungen des Klimawandels auf Infektionskrankheiten und antimikrobielle Resistenzen
    Teil 2. Journal of Health Monitoring 8(S4), DOI: 10.25646/11645
    Auswirkungen des Klimawandels auf nicht-übertragbare Erkrankungen und die psychische Gesundheit
    Teil 3. Journal of Health Monitoring 8(S6), DOI: 10.25646/11769
    Klimagerechtigkeit, Kommunikation und Handlungsoptionen
  3. Claudia Winklmayr, Stefan Muthers, Hildegard Niemann, Hans-Guido Mücke und Matthias an der Heiden – „Hitzebedingte Mortalität in Deutschland zwischen 1992 und 2021“, Deutsches Ärzteblatt 26/2022; 119: 451–7. DOI: 10.3238/arztebl.m2022.0202
  4. Bendig, A.; Krauss-Hoffmann, P.; Binse, L. (2024): Klimawandel und Gesundheit bei der Arbeit. Ergomed/Prakt. Arb. med. 02/2024. Online verfügbar unter: https://www.researchgate.net/publication/387312144 (Download 08.05.2025)
  5. Bauer, S.; Bux, K.; Dieterich, F.; Gabriel, K.; Kienast, C.; Klar, S.; Alexander, T. (2022): Klimawandel und Arbeitsschutz. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), Dortmund/Berlin/Dresden. DOI: 10.21934/baua:bericht20220601 (Download 08.05.2025)
  6. Bux, K.; Polte, C. (2016): Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt – Klima. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), Dortmund/Berlin/Dresden. DOI: 10.21934/baua:bericht20160713/4c (Download 08.05.2025)
  7. Hellwig, R.; Nöske, R. (2012): Hitzebelastung und Leistungsfähigkeit in Büroräumen bei erhöhten Außentemperaturen. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Dortmund. ISBN 978-3-88261-142-7
  8. Trenczek, L.; Lühr, M. (2022): Klimafolgekosten 2018-19. GWS
  9. Hübler, M.; Klepper, G. (2007): Kosten des Klimawandels – Auswirkungen auf die deutsche Volkswirtschaft. Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel, Kiel
  10. DGAUM (2022): S2k-Leitlinie „Arbeiten unter klimatischen Belastungen“. Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin (DGAUM), München, 2022
  11. Storm, A.; Nürnberg, V. (Hrsg.) (2024): DAK-Gesundheitsreport 2024 – Analyse der Arbeitsunfähigkeiten. Gesundheitsrisiko Hitze. Arbeitswelt im Klimawandel. Beiträge zur Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung, Band 48. IGES Institut GmbH im Auftrag der DAK-Gesundheit, Hamburg. ISBN: 978-3-98800-081-1
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Jürgen Benitz-Wildenburg

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