Viele Menschen vor der Einbruchsvorführung.+

Experteninterview: Einbruchhemmung im Detail

Fragen zu Details der Widerstandsklassen, Montage und lockeren Werbeaussagen

Lesezeit: 5 Minuten

Die Verbesserung der Einbruchhemmung von Fenstern und Türen ist angesichts einer steigenden Kriminalitätsrate und nahezu täglichen Medienpräsenz für die meisten Bauher-ren ein wichtiges Kaufkriterium.

Fast jeder Hersteller wirbt mit Angaben zur Einbruchhemmung für seine Produkte. Aber auf was kommt es wirklich an und woran kann der Schreiner erkennen, was bei der Herstellung, Einkauf und Montage von Haustüren zu achten ist. Robert Krippahl vom ift Rosenheim, gibt als langjähriger „Einbrecher“ und Produktmanager für Türen und Fenster Auskunft zu Widerstandsklassen, Prüfungen und der praktischen Umsetzung.

Frage 1: Herr Krippahl, alle 3,5 Minuten passiert in Deutschland ein Einbruch, meistens über Fenster und Türen. Wie können Immobilienbesitzer sich effektiv schützen?

Die Sicherheitsausstattung sollte immer passend zum Objekt gewählt und das Einbruchrisiko abgewogen werden. Allgemein heißt das, je schlechter Fenster und Türen von außen einsehbar sind und je weiter der Nachbar entfernt ist, desto höher das Risiko.  Neben abschreckenden Maßnahmen Bewegungsmelder mit Licht und akustischen Signalen ist die mechanische Sicherung aller Wandöffnungen die wichtigste Maßnahme, denn der Einbrecher ist ein „scheues Reh“, das schnell nervös wird. In der DIN EN 1627 gibt es klar definierte Widerstandsklassen, die die Anforderungen an das Element, die Verglasung, aber auch die Montage vorschreiben.

Frage 2: Wie unterscheiden sich diese Widerstandsklassen?

Die Unterschiede liegen in den verschieden hohen Belastungen, denen die Elemente entsprechend der Widerstandsklasse über eine definierte „Einbruchzeit“ standhalten müssen. Wird in der Widerstandsklasse RC 1N noch ohne Werkzeug belastet, gibt es bei RC2 bereits einen Schraubendreher und bei RC3 einen 75 cm langen „Kuhfuß“ als Hebelwerkzeug. Ab der Widerstandsklasse RC4 werden schlagende und elektrische Werkzeuge verwendet. Zentrale Unterscheidungsmerkmale sind die Widerstände gegen das vom Täter eingesetzte Werkzeuge und die Angriffszeit. In normalen Wohnobjekten empfiehlt die Kriminalpolizei die Klassen RC2 und bei geringer Gefährdung auch RC1N und RC2N. Die Klasse RC3 wird eher im „gehobenen Immobiliensektor“ und gefährdeten Büro- und Verwaltungsgebäude verbaut. RC4 bis RC6 wird für Gebäude wie Banken, Juweliergeschäfte, Regierungsgebäuden aber auch bei Gebäuden der Wasser- und Energieversorgung eingesetzt und meist gekoppelt mit weiteren Schutzmaßnahmen wie Einbruchmeldeanlagen, Überwachungskameras oder baulich vorgeschaltete Abgrenzungen.

Frage 3: Welche Komponenten gehören zwingend zur Sicherheitsausstattung?

Die Einbruchhemmung funktioniert als Sicherheitskette, die nur so gut ist wie ihr schwächstes Glied – das wird oft vergessen. Diese Kette reicht vom Mauerwerk, der Befestigung, dem Rahmen über die Beschläge inkl. Verschraubung bis zum Glas und dessen Einbindung in den Flügel. RC2-Fenster und Türen brauchen anders als Standard Bauteile bereits eine normativ geforderte P4A-Verglasung mit stabilerer Befestigung des Glases und bei Fenstern mehr Verriegelungspunkte in Pilzzapfenausführung, um das einfache Aufhebeln zu verhindern. Hinzu kommen der abschließbare Fenstergriff (sog. Olive) sowie ein integrierter Anbohrschutz, der das Aufbohren des Getriebes von außen verhindert. Bei der Montage sind die Vorgaben der Montageanleitung zu berücksichtigen, die Bestandteil des Prüfberichtes ist. Wichtig sind Art und Abstände der Befestigungsmittel inkl. der druckfesten Hinterfütterung sowie die Anforderungen an umgebende Wände. Jeder Verzicht auf ein Glied der Sicherungskette kann alle anderen Maßnahmen nichtig machen, weil routinierte Einbrecher diese Schwachstelle e ausnutzen.

 

Frage 4: Was bedeutet die Klasse RC 2N?

Bei den Klassen RC2N und auch RC1N müssen alle sicherheitsrelevanten Komponenten ebenso wie in den übrigen Klassen umgesetzt werden. Lediglich Anforderungen an die Verglasung können national festgelegt oder privatrechtlich vereinbart werden, beispielsweise der Einsatz von einfachem Floatglas oder VSG anstatt der bei RC2 geforderten und teureren P4A-Verglasung. Die Glasbefestigung hingegen muss zwingend auch in den Klassen RC 1N und RC 2N nach den Maßstäben des geprüften Elementes erfolgen und ausgeführt werden – dies wird häufig nicht bedacht und würde eine Abweichung zur geforderten Klassifizierung darstellen. Bei nichttransparenten Ausfachungen (Paneelen bzw. Füllungen) gibt es keine derartige Regelung.

Frage 5: Wie kann sichergestellt werden, dass der Hersteller über das notwendige Fachwissen und Nachweise für die Vermarktung einbruchhemmender Bauelemente verfügt?

Bietet der Hersteller Bauelemente nach den RC-Klassen an, so muss er zwingend über die notwendigen Nachweise verfügen, dass das von ihm hergestellte Produkt auch die nach DIN EN 1627 geforderten Sicherheitsanforderungen erfüllt. Die Prüfungen können selbst durchgeführt oder es können die Prüfzeugnisse eines Systemgebers im Rahmen des Cascading Verfahrens genutzt werden. Hierbei müssen alle Angaben des Prüfnachweises zwingend beachtet werden, zu denen auch detaillierte Anleitungen für die Herstellung und Montage gehören.

Frage 6: Kann der Prüfnachweis durch den Zusatz „in Anlehnung an“ umgangen werden?

Nein, die Bezeichnung „in Anlehnung an“ z.B. an die Sicherheitsklasse RC 2 bedeutet nicht, dass automatisch die RC-Klasse erfüllt ist. Es mögen vielleicht einzelne sicherheitsrelevante Komponenten wie ein Sicherheitsbeschlag verwendet werden, aber dies bietet keine Gewähr, dass die zuvor beschriebene Sicherheitskette von A bis Z funktioniert, weil vielleicht an irgendeiner Stelle gespart wurde.

Frage 7: Häufig wird die Fensterausstattung nur mit RC 2 Beschlag gefordert – wird dadurch die RC Klasse erfüllt?

Hier gilt ebenso ein klares Nein! Die RC-Prüfung ist keine Beschlag- oder Glasprüfung, sondern eine Elementprüfung. Das bedeutet, dass alle sicherheitsrelevanten Komponenten den entsprechenden Prüfverfahren standhalten müssen und die Sicherheitskette hält. Ein Standard-Fenster mit Sicherheitsbeschlag und einer abschließbaren Olive erfüllt sicherlich nicht die Widerstandsklasse RC2. Bei Nachrüstprodukten für bereits verbaute Fenster gibt es keine RC-Klassen und die Prüfung nach DIN 18104-2 bescheinigt nur die Verbesserung der Einbruchhemmung. Hier erschweren Sicherheitsbeschläge das Aufhebeln der Fenster.

Frage 8: Wie lautet Ihre Empfehlung für Tischler, die sich im Bereich der Einbruchhemmung positionieren wollen?

Die Verhinderung von Einbrüchen in 42 % der Fälle durch mechanische Sicherungen zeigt deren Wirksamkeit und ist Grund für die starke Nachfrage seitens der Bauherren. Die Beratung, Herstellung und Montage einbruchhemmender Fenster und Türen erfordern Erfahrung und ein umfangreiches Fachwissen, das in der Weiterbildung zur ift-Fachkraft für mechanische Sicherheit vermittelt wird. Tischler, die sich erfolgreich im Bereich einbruchhemmender Bauteile positionieren wollen, nutzen auch die Vorteile einer Zertifizierung durch eine autorisierte Stelle. Die zertifizierten Produkte, Hersteller und Montagebetriebe werden in die Herstellerlisten der Landeskriminalämter (KPK-Listen) aufgenommen, die bei ihrer kostenlosen Beratung von Planern und Bauherren auf die Hersteller und Errichter aus der KPK-Liste verweisen. Außerdem listet und empfiehlt das ift Rosenheim die überwachten Firmen auch auf seiner Website im Informationsbereich für Bauherren, Verbraucher und Architekten.

Viele Menschen vor der Einbruchsvorführung.+
Robert Krippahl moderiert die Einbruchvorführungen auf der Sonderschau „Erfolg mit Qualität und Sicherheit“ auf der Fensterbau Frontale 2016

Robert Krippahl

ift Rosenheim

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