Die Welt im Umbruch

Konsequenzen für die Fenster- und Fassadenbranche

Lesezeit: 12 Minuten

Seit der Jahrtausendwende durchläuft die globale Gesellschaft einen tiefgreifenden Wan-del entlang drei Achsen: ökologisch, sozioökonomisch und technologisch. Märkte polarisieren sich – Basis- und Premiumsegmente wachsen, während die Mitte verliert. Seit 2020 erschüttern Pandemien, Naturkatastrophen und geopolitische Spannungen die Welt zusätzlich. Die deutsche Bauwirtschaft steht 2025 an einem historischen Wendepunkt: Einst Wachstumstreiber, gilt sie heute als Krisensektor. Hohe Zinsen, steigende Kosten, Fachkräftemangel und überregulierte Genehmigungsverfahren belasten die Branche massiv.

Diese Entwicklungen beeinträchtigen die Rentabilität von Bauprojekte und führen zu einem deutlichen Rückgang der Baugenehmigungen, wodurch politische Zielvorgaben – wie die Schaffung von 400.000 neuen Wohneinheiten pro Jahr – gefährdet werden. Ein weiterer zentraler Aspekt der Krise ist die stagnierende Produktivität der Bauwirtschaft. Während andere Industriezweige in den letzten 30 Jahren ihre Effizienz signifikant steigern konnten, verzeichnet die Bauindustrie nahezu keine Fortschritte. Diese Produktivitätslücke resultiert aus historischen Defiziten bei technologischen Investitionen, stellt jedoch gleichzeitig einen entscheidenden Ansatzpunkt für die zukünftige Transformation dar. Synergien zwischen ökologischen, technologischen und demografischen Entwicklungen bieten hierbei neue Lösungsansätze. Um in diesem dynamischen Umfeld erfolgreich zu agieren, müssen Unternehmen strategische Entscheidungen treffen, auch in der Fenster- und Fassadenbranche.

Wandel, Umbruch und Transformation

Die Welt befindet sich an einem historischen Wendepunkt, geprägt von technologischen Innovationen, ökologischen Herausforderungen wie dem Klimawandel, der Reduktion von CO₂-Emissionen sowie tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen. Um die Ziele der Sustainable Development Goals (SDG) und die Klimaziele des Pariser Abkommens zu erreichen, sind umfassende Veränderungen notwendig, die über einfache, inkrementelle Anpassungen hinausgehen.

Begriffsdefinitionen

Wandel beschreibt kontinuierliche, inkrementelle Anpassungen innerhalb bestehender Strukturen. Typische Merkmale sind Anpassung, gezielte Veränderungen einzelner Aspekte, kontinuierlicher Prozess und Fokus auf bestehende Strukturen. Wandel optimiert das Bestehende. Umbruch ist dagegen eine tiefgreifende, oft revolutionäre Neuausrichtung, die konzentriert, bewusst und zielgerichtet erfolgt und Altes loslässt, um Neues zu schaffen. Transformation geht noch weiter: Sie ist ein grundlegender, systemischer Paradigmenwechsel. Sie umfasst alle Bereiche einer Organisation – Kultur, Struktur, Strategie, Prozesse und Geschäftsmodelle – und ist darauf ausgerichtet, Organisationen zukunftsfähig zu machen. Transformation ist disruptiv, proaktiv und verändert die „DNA“ der Organisation.

Dimensionen des Wandels und der Transformation

Wandel kann entlang der Dimensionen Umfang (inkrementell vs. fundamental) und Art (kontinuierlich vs. disruptiv) in vier Konzepte unterteilt werden:

  • Adaption: Anpassung innerhalb des bestehenden Paradigmas, einmalig oder kontinuierlich.

  • Rekonstruktion: Größere Veränderungen ohne Paradigmenwechsel, z. B. Prozess- oder Organisationsänderungen.

  • Evolution: Langfristiger, inkrementeller Paradigmenwechsel mit proaktiver Vorbereitung.

  • Revolution: Schneller, umfassender Paradigmenwechsel als Reaktion auf extremen Veränderungsdruck.

Transformation umfasst die Konzepte Evolution und Revolution, da hier ein Paradigmenwechsel erfolgt, während Adaption und Rekonstruktion keine Transformation darstellen.

 

Das Diagramm zeigt auf der x-Achse die Art der Veränderung und auf der y-Achse den Umfang der Veränderung.
Bild 1: Wandel, Transformation oder Umbruch? Dimensionen der Veränderung
(Quelle: ift Rosenheim)

Relevanz für Organisationen

Die Unterscheidung zwischen Wandel, Umbruch und Transformation ist entscheidend, um die Notwendigkeit von Veränderungen transparent zu kommunizieren. Transformation erfordert Engagement, strategisches Management, die Berücksichtigung hoher Komplexität und kürzerer Zeithorizonte sowie die Entwicklung neuer soziokultureller Systeme innerhalb von Organisationen.

Beispiel: Verlust der Mitte in der Immobilien- und Bauwirtschaft

Seit den 2000er-Jahren vollzieht sich in Deutschland praktisch in allen Marktbereichen ein Wandel. Das Basis-/Volumensegment sowie das Premium-/Luxussegment wachsen, während das mittlere Marktsegment zunehmend an Bedeutung verliert. Diese Polarisierung zeigt sich auch in der Immobilien- und Bauwirtschaft. Im Wohnungsbau stehen sich im Neubau günstige Serienwohnungen und hochwertige Premiumapartments gegenüber. Im Bestand erfolgt die Sanierung entweder durch minimale Investitionen oder durch umfassende Premiummaßnahmen – mittlere Standardlösungen werden häufig übersprungen. Ähnliche Muster zeigen sich bei Büroimmobilien und im Einzelhandel: Mittelklassige Bürogebäude und Ladenformate verlieren an Relevanz, während Premiumflächen und Discountkonzepte stärker nachgefragt werden. In der Bau- und Immobilienwirtschaft zeigt sich die Transformation in einer gezielten Portfolio-Differenzierung: Die eine Gruppe konzentriert sich auf den Premiumbereich mit nachhaltigen, hochwertigen Lösungen, die andere auf das Niedrigpreissegment mit kostengünstigem Wohnraum. Mittelpreisige Angebote verlieren zunehmend an Attraktivität.

Konjunkturelle Lage in Deutschland

Situation in der Bauwirtschaft

Obwohl der ifo-Geschäftsklimaindex im August 2025 leicht auf 89 Punkte anstieg, signalisieren andere Indikatoren eine anhaltende Krise. Prognosen zufolge wird das Bauhauptgewerbe 2025 den fünften realen Umsatzrückgang in Folge verzeichnen, wobei der Wohnungsbau besonders stark betroffen ist. Die Ursachen für den Baustillstand sind vielfältig: hohe Zinsen, steigende Kosten, bürokratische Hürden, technologische Defizite und fragile Lieferketten. Politisch wurde ein Sondervermögen Infrastruktur von 500 Milliarden Euro beschlossen sowie der „Wohnungsbau-Turbo“ eingeführt, um Genehmigungszeiten zu verkürzen und Umbauprojekte zu erleichtern.

Situation im Fenstermarkt

Der Fenstermarkt prognostiziert für 2025 eine leichte Erholung (+0,3 %) nach Einbrüchen in den Jahren 2023 und 2024. PVC-Fenster dominieren zwar weiterhin (53,4 %), verlieren aber Marktanteile zugunsten von Aluminium-Fenstern (17 %) und Holz-Alu-Kombinationen (15%). Im Basissegment des Neubaus dominieren Kunststofffenster eindeutig. Hier müssen sich Fensterhersteller zunehmend mit dem Seriellen Bauen (vgl. Kap. 6) auseinandersetzen. Im Premiumsegment gewinnen Produkte mit Smart-Home-Funktionen, PV-Integration und nachhaltigen Materialien an Bedeutung. Energetische Sanierung, Qualität und ökologische Anforderungen werden zu zentralen Differenzierungsmerkmalen. Projekte und Produktlösungen aus dem Mittelsegment, also ohne klare Differenzierung, verlieren auch im Fenstermarkt zunehmend Marktanteile. Innerhalb der Sanierungswelle zeigt sich dasselbe Muster: Entweder werden minimale Investitionen getätigt oder eine umfassende Premiumsanierung durchgeführt.

Regulatorische Rahmenbedingungen

Europäischer Green Deal und Neuausrichtung

Der Europäische Green Deal verfolgt das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 und eine Treibhausgasreduktion von 55 % bis 2030. Im Rahmen dieser Neuausrichtung wurden verschiedene regulatorische Initiativen implementiert, die Standards für Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Transparenz setzen. Dazu zählen unter anderem die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD), die Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD), die Green Claims Directive sowie die European Circular Glass Transition (ECGT). Diese Regulierungen verpflichten Unternehmen der Bau- und Fensterbranche, ökologische und soziale Verantwortung in ihre Geschäftsprozesse zu integrieren und Transparenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette sicherzustellen.

Ab Mitte 2024 wurde der Green Deal als „Klima-und-Wachstumsagenda“ neu ausgerichtet. Auf der COP29 in Istanbul bekräftigte die EU das Ziel der Klimaneutralität und erhöhte die Zwischenziele auf eine Emissionsreduktion um 90 % bis 2040. Ergänzend wurde ein „Clean Industrial Deal“ vorgestellt, der die Dekarbonisierung der Industrie beschleunigen soll. Zur Entlastung von KMU wurden die „Omnibus-Initiative“ und die „Stop-the-Clock“-Richtlinie beschlossen, die Berichtspflichten verschieben und vereinfachen. Kapitalmarktorientierte KMU müssen erst ab 2028 berichten. Zudem wurden die Schwellenwerte angehoben: Berichtspflichtig sind nur Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitenden sowie über 50 Mio. Euro Umsatz oder 25 Mio. Euro Bilanzsumme.

Bauproduktenverordnung und Digitaler Produktpass

Die Bauproduktenverordnung (BauPVO 2024/3110) schreibt ab Januar 2026 u.a. vor, dass Bauprodukte Nachhaltigkeitsanforderungen erfüllen und Rückbaubarkeit gewährleisten. Ein zentrales Instrument ist der Digitale Produktpass (DPP), der den gesamten Lebenszyklus eines Produkts erfasst – von der Rohstoffgewinnung über Produktion, Nutzung bis hin zum Recycling. Für die Fensterbranche bedeutet dies, dass Produktinformationen digital bereitgestellt, standardisiert und nachvollziehbar dokumentiert werden müssen, um Konformität und Marktzugang sicherzustellen.

Die Tabelle zeigt drei Große Teile zu erst Einwicklung und Herstellung, dann Lebenszyklus und zum Schluss Lebensende, es wird danach weiter unterteilt in 9 Unterkategorien.
Tabelle 1: Circular Economy Strategien (9R) – sortiert nach Priorität
(Quelle: Potting, J., Hekkert, M., Worrell, E., & Hanemaaijer, A. (2017). Circular Economy: Measuring Innovation in the Product Chain. PBL – Netherlands Environmental Assessment)

Kreislaufwirtschaft und Zirkularität

Der europäische Aktionsplan für Kreislaufwirtschaft und die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) fördern Ressourceneffizienz und Abfallvermeidung im Gebäudesektor. 

Dabei werden operative Maßnahmen entlang der sogenannten 9R-Strategien (vgl. Tabelle 1) implementiert, die von „Rethink“ über „Refurbishment“ bis hin zu „Recycle“ reichen. R0–R2 zielen auf Rohstoffreduktion und Effizienzsteigerung, R3–R7 auf Wieder- und Weiterverwendung, und R8–R9 auf Rückgewinnung von Rohstoffen zur Substitution von Primärmaterialien. Hersteller sind angehalten, ihre Produkte auf Langlebigkeit, Reparierbarkeit und Recyclingfähigkeit auszulegen und so zur Schonung von Ressourcen und Reduzierung des ökologischen Fußabdrucks beizutragen.

KRITIS-Dachgesetz

Mit der Umsetzung der EU-CER-Richtlinie und des KRITIS-Dachgesetzes steigt der regulatorische Druck auf Unternehmen, die kritische Infrastrukturen bedienen. Auch Fenster- und Türenhersteller, die in diesem Marktsegment aktiv sind, müssen ihre Produkte künftig nach erweiterten Sicherheitsstandards prüfen und zertifizieren, um die Widerstandsfähigkeit von gegenüber physischen, digitalen und klimabedingten Risiken zu erhöhen.

Triebkräfte des Wandels und der Transformation

Ökonomische Triebkräfte

Der deutsche Immobilien- und Bausektor befindet sich 2025 in einer tiefgreifenden Krise. Speziell der Wohnungsneubau erreicht eine Talsohle, während Bestandsmaßnahmen im Wohnungs- und Nichtwohnbau stabilisierend wirken. Die öffentliche Baunachfrage sinkt, das Bauvolumen nahm im Jahr 2024 preisbereinigt um 3,7 % ab. Die Zahl der Baugenehmigungen hat sich seit 2021 halbiert, wobei der Wohnungsbau weiterhin die dominierende Rolle spielt. Projekte werden gestrichen und die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum kann nicht gedeckt werden. Um der Krise zu begegnen, wurden zentrale Hebel zur Produktivitätssteigerung identifiziert: eine stärkere Integration von Planung und Bau, die Nutzung von Generalunternehmermodellen, Digitalisierung und Vernetzung entlang der gesamten Wertschöpfungskette, Einführung von Zielvorgaben statt starrer Standards sowie kontinuierliche Weiterbildung zur Reduktion des Fachkräftemangels.

Ökologische Triebkräfte

Daneben treiben ökologische Aspekte die Transformation der Bauwirtschaft. Dekarbonisierung und Kreislaufwirtschaft stehen zunehmend im Fokus. Die 9R-Strategien (vgl. Tabelle 1) bilden den Rahmen für ressourceneffizientes Bauen.

Naturkatastrophen verdeutlichen die Notwendigkeit einer resilienten, gebauten Umwelt. Resilienz (vgl. Tabelle 2) beschreibt die Fähigkeit, nach abrupten Störungen stabil zu bleiben und sich langfristig anzupassen. Sie umfasst Robustheit, Redundanz sowie Adaptions- und Transformationsfähigkeit. Frühwarnsysteme, digitale Zwillinge und KI-gestützte Entscheidungsprozesse erhöhen die Reaktionsfähigkeit auf unvorhergesehene Ereignisse. Für Gebäude, insbesondere Fenster, ist Resilienz entscheidend: Sie müssen strukturell stabil, witterungsbeständig, einbruchsicher und reparaturfreundlich sein.

Diese Tabelle zeigt Merkmale zur Bewältigung von Störungen und deren Folgen.
Tabelle 2: Resilienz – Merkmale zur Bewältigung von Störungen und deren Folgen
(Quelle: ift Rosenheim)

Technologische Triebkräfte

Technologische Innovationen sind zentrale Hebel für die Transformation. Building Information Modeling (BIM) bildet das digitale Rückgrat der Branche, da es Kosten- und Planungssicherheit sowie eine verbesserte Zusammenarbeit zwischen Gewerken ermöglicht. Für öffentliche Bauprojekte ab einem Bruttobauvolumen von 5 Millionen Euro ist BIM verpflichtend. Weitere Technologien, die Effizienz und Qualität steigern, sind Digitalisierung, Drohnen und Künstliche Intelligenz (KI). KI ermöglicht datenbasierte Entscheidungen in allen Projektphasen, während Drohnen präzise Vermessung und Überwachung mit Integration der Daten in BIM erlauben. Modulare Vorfertigung reduziert Materialverschwendung, erleichtert das Recycling und steigert die Produktionsgeschwindigkeit.

Fazit

Die Transformation des Bausektors wird von ökonomischen, ökologischen und technologischen Triebkräften vorangetrieben. Ökonomische Krisen fordern Produktivitätssteigerungen, ökologischer Druck erfordert Ressourceneffizienz und Resilienz, und technologische Entwicklungen eröffnen neue Effizienzpotenziale. Auch für Unternehmen der Fensterbranche ergibt sich daraus ein strategischer Handlungsdruck: Investitionen in Digitalisierung, Kreislaufwirtschaft, Resilienz-Maßnahmen und innovative Bauweisen sind entscheidend, um Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit langfristig zu sichern.

Das Bild zeigt mehrere Module, manche stehen schon an ihrem Platz, andere hängen noch am Kran.
Bild 2: Raummodulbauweise: Komplett vorgefertigte, dreidimensionale Module inklusive Installationen (Quelle: © miliki – stock.adobe.com)

Aktueller Trend: Serielles Bauen 2.0

Serielles Bauen wurde bisher vor allem in Krisenzeiten genutzt, etwa nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Fokus lag auf Geschwindigkeit und Wirtschaftlichkeit, gestalterische Qualität blieb oft auf der Strecke. Heute verbinden neue Ansätze industrielle Effizienz mit architektonischem Anspruch. Serielles Bauen erlebt eine neue Bedeutung im Kontext von Digitalisierung, Fachkräftemangel und Nachhaltigkeit. Moderne Verfahren unterscheiden sich deutlich von historischen Vorbildern: Digitale Planung, innovative Materialien und Lean-Methoden schaffen die Grundlage für Effizienz und Qualität. Serielles Bauen stützt sich auf zwei Hauptansätze:

  • Raummodulbauweise: Komplett vorgefertigte, dreidimensionale Module inklusive Installationen.
  • Elementbauweise: Vorfertigung von Wand-, Decken- oder Fassadenelementen mit hoher Flexibilität für unterschiedliche Grundstücks- und Entwurfsbedingungen.

Beide Methoden zielen auf beschleunigte Prozesse sowie hohe Präzision und Qualität. Zentrale Neuerungen des Seriellen Bauens 2.0 liegen in der Digitalisierung. BIM und digitale Zwillinge ermöglichen gewerkeübergreifende Planung und Fehlerreduktion. Zudem unterstützt die Methode Zirkularität durch reduzierten Materialeinsatz, Umbaufähigkeit und vereinfachte Wiederverwertung. Lean-Management reduziert Verschwendung, während KI präzise Qualitätskontrollen und vorausschauende Wartung ermöglicht. Beide Ansätze stärken Effizienz und Zuverlässigkeit. Gleichzeitig bleibt Baukultur entscheidend: Architekten sichern Qualität durch gestalterische Vielfalt, etwa bei Fassaden oder Modulanordnungen. Serielles Bauen 2.0 wird das konventionelle Bauen nicht ablösen, aber als Ergänzung zentrale Beiträge zur Schaffung und Sanierung von Wohnraum leisten.

Handlungsempfehlungen für die Fensterbranche

Auch die Fensterbranche durchläuft einen tiefgreifenden Wandel ihrer Wertschöpfungsketten und Organisationsformen. Dabei übernehmen die Akteure des Ökosystems unterschiedliche Rollen (vgl. Bild 3).

Die Graphik zeigt das Ökosystem der Fenster und Fassadenbranche.
Bild 3: Ökosystem der Fenster- und Fassadenbranche (Quelle: ift Rosenheim)

Innerhalb dieser dynamischen Entwicklung lassen sich bei Fensterbauunternehmen vier primäre Wertschöpfungstypen differenzieren:

  • Reine Produzenten:
    Fokussieren auf hochautomatisierte, effiziente und skalierbare Fertigung.
  • Reine Dienstleister:
    Spezialisieren sich auf Montage, Wartung, Reparatur und Rückbau.
  • Fenster-Generalunternehmer (GU):
    Verbinden Produktion und Dienstleistungen, oft gestützt durch digitales Projektmanagement.
  • Fenster-Generalübernehmer (GÜ):
    Sie decken die komplette Wertschöpfungskette (bis hin zum Rückbau und Recycling) ab. Sie vergeben jedoch alle Aufgaben komplett an Nachunternehmer und übernehmen lediglich die Koordination und Überwachung. 

Systemhäuser fungieren als zentrale Schnittstelle (vgl. Bild 3). Sie entwickeln und beschaffen die Produkte (z.B. Profile, Beschläge und Zubehör) und schulen sowie qualifizieren Fensterbauer. Sie stellen Maschinen und Werkzeuge (zur Bearbeitung der Systemkomponenten) sowie digitale Tools und Daten bereit. Sie beraten sowie beliefern sie projektspezifisch und unterstützen sie in der Auftragsabwicklung. Die Vorlieferanten der Systemhäuser stellen die Produkte (z.B. Rahmen- und Dichtungsprofile sowie Dämmstege, Beschläge und Zubehör wie z.B. Montage, Sensoren und Steuerungen) nach Vorgabe der Systemhäuser her. Sie treiben bei diesen Komponenten aber auch grundsätzliche Innovationen in Funktionalität und Nachhaltigkeit voran. Auch Isolierglashersteller beraten und beliefern die Fensterbauer projektspezifisch und stellen ihnen digitale Werkzeuge und Daten bereit. Sie beschaffen und verarbeiten die Komponenten von Vorlieferanten. Diese Firmen treiben Innovationen in Funktionalität und Nachhaltigkeit voran (z.B. low-Carbon-Floatglas, VSG, ESG, beschichtetes Glas, Smart Glass, Abstandhalter) und produzieren die Komponenten. Unabhängig davon beziehen Fensterbauer einige Komponenten direkt von Zulieferern (z.B. Sonnenschutzsysteme, Beschläge, Dicht- und Dämmstoffe sowie Maschinen und Werkzeuge). Prüf-, Zertifizierungs- und Schulungsinstitute – wie das ift Rosenheim – gewinnen zunehmend an Bedeutung.

Die Polarisierung des Bau- und Immobilienmarktes zwingt Hersteller von Fenstern zu klaren strategischen Entscheidungen. Während Basis- und Premiumsegmente wachsen, schrumpft – wie auf Gebäudeebene – die Mittelklasse. Eine differenzierte Marktpositionierung ist entscheidend für den zukünftigen Erfolg.

Im kostensensitiven Basissegment stehen Preisführerschaft und Effizienz im Vordergrund:

  • Produkte:
    Robuste Fenster mit langlebigen, wartungsarmen Komponenten anbieten. Minimale gesetzliche Anforderungen sowie einfache modulare Erweiterungen berücksichtigen.
  • Dienstleistungen:
    Standardisierte Montagepakete und einfache Wartungsservices anbieten, ergänzt durch digitale Tools wie Montage-Apps.
  • Prozesse:
    Automatisierte Produktion und Just-in-Time-Lieferketten implementieren (insbesondere als Zulieferer für Serielles Bauen und Modernisieren), um Kosten zu senken. Regionale Zuliefernetzwerke sichern Flexibilität und minimieren Transportkosten.

Im Premiumsegment dominieren Nachhaltigkeit, Design und technologische Innovation:

  • Produkte:
    Premiumlösungen mit schmalen Profil-Ansichtsbreiten, Smart-Home-Funktionen, PV-Integration oder adaptive Fassadensysteme. Recycling- und Ökodesign-Ansätze.
  • Dienstleistungen:
    Smarte Zusatzservices wie Predictive Maintenance, individuelle Beratungs- und Designservices. Sondersituation: Denkmalschutz.
  • Prozesse:
    Digitale Projektplattformen (z. B. BIM-Integration) sowie modulare Bauweisen zur Effizienzsteigerung.

Im mittleren Marktsegment besteht die Gefahr des Bedeutungsverlusts. Unternehmen, die weder über Kostenvorteile noch über Differenzierungsmerkmale verfügen, werden langfristig Marktanteile verlieren.

Zusammenfassung

Die deutsche Bauindustrie befindet sich im Jahr 2025 in einer tiefgreifenden Transformationsphase, die durch vielfältige wirtschaftliche und strukturelle Herausforderungen geprägt ist. Ein historisch als Konjunkturmotor fungierender Sektor hat sich in den letzten Jahren zunehmend zu einem Krisenfeld entwickelt, was weitreichende sozioökonomische Konsequenzen nach sich zieht. Wesentliche Faktoren dieser Krise sind steigende Zinsen, erhöhte Material- und Energiekosten, ein akuter Fachkräftemangel sowie hochgradig komplexe und langwierige Genehmigungsverfahren. Der Europäische Green Deal, die Bauproduktenverordnung mit digitalem Produktpass sowie die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie verpflichten Unternehmen zu Nachhaltigkeit, Ressourceneffizienz und Transparenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Gleichzeitig sind die Folgen gravierend: Seit 2021 hat sich die Zahl der Baugenehmigungen halbiert, während die Produktivität der Branche seit über 30 Jahren stagniert. Hauptursache sind geringe Investitionen in Technologie – zugleich aber der zentrale Hebel für einen Paradigmenwechsel. Serielles Bauen, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz gelten als Schlüsselfaktoren, um Effizienz, Nachhaltigkeit und Resilienz zu vereinen. 

Für die Fensterbranche eröffnen sich daraus klare strategische Handlungsfelder: Kostenführerschaft und maximale Effizienz im Basissegment sowie Differenzierung durch Resilienz, Zirkularität und Innovation im Premiumsegment. Systemhäuser, Vorlieferanten sowie Prüf- und Zertifizierungsinstitute spielen eine zentrale Rolle als Treiber von Standards und Innovationen. Unternehmen, die Produkte, Dienstleistungen, Prozesse und Geschäftsmodelle ganzheitlich ausrichten und regulatorische Vorgaben frühzeitig integrieren, werden ihre Wettbewerbsfähigkeit sichern. Zugleich leisten sie einen entscheidenden Beitrag zur Realisierung klimaneutraler Gebäude und zur Transformation einer Branche, die sich vom Krisensektor wieder zu einem Zukunftstreiber entwickeln kann.

Prof. Dr. Winfried Heusler

ift Rosenheim

Prof. Dr.-Ing. Winfried Heusler studierte an der TU München und promovierte an der Technischen Universität Berlin. Seit 04/2025 ist er Institutsleiter am ift Rosenheim. Seit 2023 Inhaber des Ingenieurbüros Heusler. Von 1998 bis 2023 als Direktor Engineering und Leiter Global Building Excellence bei Fa. Schüco. Von 1981 bis 1998 Entwicklungsingenieur und -leiter sowie Leiter Aluminiumfassaden bei Fa. Gartner. In Fachkreisen bekannt durch Vorträge und Aufsätze zu Fassaden und Nachhaltigkeit. Seit 2014 Honorarprofessor an der TH Ostwestfalen-Lippe.