Modulares Bauen

Date: 01.09.2015 | Download: Interview (PDF) | | Author(s): Prof. Ulrich Sieberath | Contact: Jürgen Benitz-Wildenburg | Medium: Glas Fenster Fassade

Interview mit Prof. Ulrich Sieberath

Frage 1:

Was ist modulares Bauen überhaupt?

 

Modulares Bauen ist abgeleitet vom Baukastenprinzip der Automobilbauer. Das Zusammenfügen vormodulierter, vorgefertigter Komponenten mit definierten Schnittstellen und einem möglichst hohen Vorfertigungsgrad. Hiermit lassen sich größere Individualität und Vielfalt kostenoptimiert realisieren. Wir haben dieses Thema erstmalig auf den Rosenheimer Fenstertagen vor zwei Jahren, also 2013, aufgeworfen – vorrangig im Zusammenhang mit der immer komplexer werdenden Fenstertechnik. Diese wird nach dem Wirkprinzip Fenster und Fassade als Energiemanager in der Außenwand künftig aus viel individueller vorgefertigten Baugruppen den verschiedenen Bedürfnissen des Gebäudes angepasst werden können. Hierzu gehören u.a. die Integration von Sonnenschutz, Photovoltaik oder Photothermie, Antriebs- und Steuerungstechnik.  Das Thema Modulares Bauen hat sich über den Fensterbereich hinaus in vielen Bereichen bereits durchgesetzt. Ich denke im Besonderen an den Hallenbau mit Fertigbetonteilen oder den Holzbau mit modular vorgefertigten Wandelementen bis hin zu vorgefertigten Raumsystemen. Der Vorteil liegt sicher auch darin, einen höheren Vorfertigungsgrad von der Baustelle in die Fertigung zu verlagern und so modernere Technik, wie Klebetechnik, einsetzen zu können, aber auch dem Notstand an qualifiziertem Personal im Bauwesen entgegenzuwirken.

 

Frage 2:

Ist es gleichzusetzen mit Universal Design?

 

Nein. Universal Design setzt auf die Grundphilosophie, die Produkte intuitiv und einfach von einem möglichst breiten Anwenderkreis nutzbar zu machen. Hier stehen also der Mensch und die Nutzung der Produkte im Vordergrund.

 

Frage 3:

Wie weit bzw. inwiefern ist das Konzept in der Fensterbranche angekommen?

 

Mehr und mehr werden unsere Produkte nach dem modularen Baukonzept zusammengestellt. So werden Fenster aus den einzelnen Komponenten, welche vorbeurteilt und in der Schnittstelle aufeinander abgestimmt sind, zusammengefügt. Als Beispiel hierzu seien Fensterprofile, Glas, Beschläge, Antriebe, innen- und außenliegender Sonnenschutz, Montagesysteme und Lüftungseinrichtungen genannt. Hier haben wir einen großen Schritt vorangemacht, die notwendige Leistungsfähigkeit und Anforderungen an die Komponenten zu definieren, die Bewertungsgrundsätze untereinander abzustimmen und Austauschregeln festzulegen. Die Austauschregeln sind dann in entsprechende Zertifizierungsprogramme des ift Rosenheim eingeflossen und bilden die Grundlage der Datenbanken, welche am Beispiel des ift-Montageplaners (www.montagetool.de) eine funktionsfähige Konfigurierung aus Einzelmodulen ermöglicht. An ähnlichen Modellen arbeiten wir zurzeit für Fenster, Türen, Fassaden und Brandschutzelemente.

 

Frage 4:

Wo sind Hemmschwellen?

 

Eine Hemmschwelle ist sicherlich, als Hersteller, aber auch im Vertrieb mit der Komplexität fertig zu werden. Eine weitere Herausforderung stellen aber auch komplexere Systeme dar, für die es die unterschiedlichen Akteure und Hersteller für eine Zusammenarbeit zu gewinnen gilt – im Besonderen bei der Definition der notwendigen Anforderungen und der Beschreibung der Schnittstellen und Austauschregeln im modularen Baukasten.

 

Frage 5:

Welche Rolle spielen Hersteller bzw. wie müsste die Zusammenarbeit aussehen?

 

Die Hersteller sind letztendlich diejenigen, die die Baukästen in der Praxis umsetzen und verkaufen müssen. Ihr Feedback bildet den Maßstab bei der Bewertung, ob die Baukastenlösung praktikabel und umsetzbar ist. Natürlich müssen sie auch die Chance darin sehen, durch die neugebotene Vielfalt an Kombinationsmöglichkeiten ihre Produkte besser im Markt platzieren zu können.

 

Frage 6:

Findet nicht zwangsläufig eine „Marktbereinigung“ statt, wenn sich dieses Konzept mehr und mehr durchsetzt?

 

Eben nicht. Nur auf Grundlage des Baukastenkonzeptes kann der uns so wichtigen mittelständischen und kleinen Herstellerstruktur die Möglichkeit geboten werden, dem finanziellen und personellen Potenzial größerer Hersteller Paroli zu bieten. Sie nutzen durch das Baukastenkonzept hierbei die Kompetenz und Möglichkeiten ihrer Zulieferer für die Entwicklung zukunftsfähiger Produkte.

 

Frage 7:

Wie profitieren die Gruppen Industrie, Handwerk und Planung vom modularen Bauen?

Anmerkung für die Redaktion: Diese Frage ist unter dem ersten Punkt mitbeantwortet und lässt sich dort ableiten.

 

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