Interview mit Bernhard Helbing

Date: 05/11/2014 | Download: Interview (PDF) | | Author(s): Bernhard Helbing | Contact: Jürgen Benitz-Wildenburg | Medium: Fassade

Vorsitzender des Vorstands des Instituts für Fenstertechnik (ift Rosenheim)

Frage 1:

Der Wettbewerb im Fenstermarkt ist nicht zuletzt durch zahlreiche Anbieter aus Osteuropa stark angespannt. Wie sehen Sie als Vorstand diese Entwicklung?

 

Wir alle arbeiten im europäischen Binnenmarkt, der den freien Handel und den fairen Wettbewerb fördert. Durch nationale und europäische Fördermittel kommt es aber zu Wettbewerbsverzerrungen. Nach der Wiedervereinigung haben davon Unternehmen in Ost- und Westdeutschland profitiert, nun sind es polnische Firmen. Dies gilt für Fensterhersteller genauso wie für das ift Rosenheim, das mit Prüfinstituten konkurrieren muss, die Fördermittel für Prüf- und Laboreinrichtungen erhalten. Dem kann man nur durch eine Besinnung auf die eigenen Stärken und eine bessere Leistung begegnen, denn einen Preiskampf kann man kaum gewinnen. Für das ift Rosenheim heißt dies, dass die Leistungen den höheren Preis rechtfertigen müssen. Dies können wir durch Fachkompetenz, Schnelligkeit, internationale Akzeptanz der ift-Nachweise und einen besseren Service erreichen. Oft ergeben sich bei Prüfungen sogar geringere Gesamtkosten, weil die ift Experten durch eine intelligente Probekörperplanung die Anzahl der notwendigen Prüfungen reduzieren können. Auch wir Fensterhersteller müssen die Kunden mit Service und einer attraktiven Gesamtleistung überzeugen, die auch die Montage umfasst. Wichtig sind faire Testbedingungen, damit der Kunde keine Äpfel und Birnen vergleicht. Und damit sind wir wieder bei den neutralen und verlässlichen Prüf- und Zertifizierungsverfahren des ift Rosenheim, die wir stärker herausstellen müssen.

 

Frage 2:

Die von Ihnen angekündigte Qualitätsoffensive ist eine logische Konsequenz dieser Marktveränderungen. Können Sie diese kurz erläutern?

 

Die Qualitätsoffensive bzw. das Stufenkonzept für Fenster und Außentüren wurde vom ift Rosenheim und der RAL-Gütegemeinschaft entwickelt, um den Fokus auf die Produktqualität zu lenken - auf Basis objektiv nachvollziehbarer Regeln. Die Abstufung soll die Einbindung von Herstellern erleichtern, denen der Aufwand für eine RAL-Zertifzierung zu hoch ist. Auch für Fensterkäufer sind die Stufen sinnvoll, denn nicht jeder will immer die beste Qualität haben. Für alle gilt jedoch, dass die Angaben zum Produkt vom ift Rosenheim überwacht werden und damit verlässlich sind. Anerkannte Qualitätszertifikate bieten für Betriebe Vorteile im Wettbewerb, und eine Fremdüberwachung festigt innerbetrieblich den Qualitätsanspruch.Alle drei Stufen fordern eine regelmäßige Überwachung durch ift-Auditoren. Bei der Stufe „Standard“ werden nur die Einhaltung der gesetzlichen Mindestanforderungen und die werkseigene Produktionskontrolle (WPK) überwacht (Grundlagen CE-Zeichen). In der Stufe „Qualität“ werden zusätzliche Anforderungen an die Gebrauchstauglichkeit gestellt und so der Nachweis für qualitativ hochwertige und gebrauchstaugliche Bauelemente erbracht. Die Stufe „Premium“ stellt zusätzliche Anforderungen für besondere gütebestimmende Merkmale und die RAL-Montage und steht damit nur für Firmen mit dem RAL-Gütezeichen zur Verfügung. Die zertifizierten Firmen profitieren außerdem von der Rechtssicherheit bei allen baurechtlich geforderten Nachweisen und Zertifikaten. Hierzu zählen Prüfnachweise, die korrekte Erstellung der Leistungserklärung und des CE-Zeichens sowie eine normgerechte WPK. Dieser Vorteil wird besonders bei Reklamationen, Mängeln oder Problemen mit der Bauaufsicht spürbar, wenn der Betrieb dann ein normkonformes System des ift Rosenheim vorweisen kann.

 

Frage 3:

Das ift hat den Bau eines neuen Technologiezentrums bekannt gegeben. Was ist der Hintergrund und welche Dienstleistungen werden dort für Fassaden erbracht?

 

Das ift Rosenheim ist in den letzten 10 Jahren kontinuierlich gewachsen und braucht nun mehr Platz. Deshalb wird bis Mitte 2016 am Rosenheimer Autobahnanschluss ein Technologiezentrum mit einem Investitionsvolumen von ca. 6 Millionen Euro und 3.000 m² Bruttogrundfläche errichtet. Das Nutzungskonzept sieht Prüfungen an Brand- und Rauchschutzelementen sowie großformatigen Fassaden und Bauteilen vor. Gemeinsam mit der Hochschule Rosenheim und dem Fraunhofer-Kompetenzzentrum Bautechnik sollen auch wegweisende Forschungsprojekte durchgeführt werden. Hierzu zählen intelligente Bauelemente, adaptive Fassaden, regenerative Energienutzung in der Gebäudehülle, Medienfassaden, Verbundwerkstoffe sowie Bauelemente in Modulbauweise mit integrierter Haustechnik, aus denen komplette Gebäude errichtet werden können. Im bisherigen Brandschutzzentrum in Nürnberg wird die „notifizierte Produktzertifizierungsstelle Brandschutz“ des ift Rosenheim entstehen, die mit Erscheinen der Produktnorm für Feuer- und Rauchschutzabschlüsse (EN 16034) eine große Bedeutung hat.

 

Frage 4:

Zuletzt noch ein Blick auf die immer wieder von der Bundesregierung in Aussicht gestellte Abschreibungsmöglichkeit für die energetische Gebäudesanierung. Was erwarten Sie hier in der Zukunft?

 

Wenn die Bundesregierung es ernst meint mit ihrer Klimaschutzpolitik, dann führt an der steuerlichen Abschreibungsmöglichkeit meines Erachtens kein Weg vorbei. Dies habe ich im August der Bundesministerin für Umwelt und Bau Dr. Barbara Hendricks vorgetragen, als sie zu Besuch in Thüringen war. Im Anschluss daran habe ich als Präsident des Verbands Fenster + Fassade (VFF) der Ministerin in einem Brief noch einmal die Gründe für die Notwendigkeit steuerlicher Förderung energetischer Gebäudesanierung erläutert. Immerhin hat Frau Dr. Hendricks zuletzt am 20. Oktober in der FAZ zur „Idee steuerlicher Förderung der Gebäudesanierung“ erklärt: „Es war nicht meine vorrangige Herangehensweise, mit Fördermitteln und Steuerermäßigungen das Klimaschutzziel zu erreichen. Aber es ist klar, dass wir es nur mit Ordnungsrecht auch nicht erreichen werden.“ Zur Ankurbelung effizienter Energiesparmaßnahmen will das Bundeskabinett am 3. Dezember 2014 nun den Nationalen Aktionsplan Energieeffizienz (NAPE) und das Aktionsprogramm Klimaschutz 2020 verabschieden. Mit auf dem Tisch liegt dann – neben weiteren Anregungen aus unseren Reihen – auch unser Vorschlag zur steuerlichen Förderung von Gebäudesanierung, den wir mit dem BDI, der Deutschen Energie-Agentur (DENA), der Allianz für Gebäude-Energie-Effizienz (geea) und vielen anderen teilen.

 

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