Fenstertage 2012 - mit Technologiesprüngen in die Zukunft

Date: 25.10.2012 | ID: PI121088 | Download: Fenstertage 2012 - mit Technologiesprüngen in die Zukunft PI121088 (PDF) | Author(s): Jürgen Benitz-Wildenburg


Fenster- und Fassadenbranche stellt sich im Jubiläumsjahr den neuen Aufgaben

Die Welt ist im Umbruch – das zeigen steigende Energie- und Strompreise sowie die intensiven Diskussionen über Lösungen für Klimawandel und Energiewende. Die Fenster und Fassadenbranche steht im Zentrum dieser Entwicklung und im Fokus von Bauherren, die ihre Immobilie energetisch optimieren und wertbeständig bauen oder sanieren wollen.  Technologien und Erklärungen zu diesen Themen führten am 11. und 12. Oktober wieder fast 1.000 Experten aus 27 Ländern zu den Rosenheimer Fenstertagen, dem europaweit größten Fachkongress der Branche.

Der Tagungsband mit über 170 Seiten und 700 Vortragsfolien auf CD-Rom ist online verfügbar.

„Wir müssen das Zeitalter der regenerativen Energiegewinnung auch für unsere Branche eröffnen und hierzu weitere technologische Sprünge entwickeln", mit diesen Worten brachte der Institutsleiter Professor Ulrich Sieberath, der am Festabend von der Hochschule Rosenheim zum Honorarprofessor ernannt wurde, die Aufgabe der Branche auf den Punkt. Es gilt nun dem Verbraucher und der Politik zu zeigen, dass Fenster und Fassaden mit einem solaren Bruttowirkungsgrad von über 60 % ein unverzichtbares Bauelement für die notwendigen Energieplushäuser sind. Er forderte von der Branche die Abkehr von der U-Wert-Olympiade und eine ganzheitliche Planung, Beratung und Produktentwicklung für Fenster und Fassaden.

Detaillierte Informationen zu den folgenden Themen finden Sie in der Presseinformation als PDF-Datei zum Download.

Hierzu zählt auch der aktive und kompetente Umgang mit Themen wie Lüftung, Verschattung, Tageslichtversorgung, Photovoltaik, Gebäudeautomation und Wohnkomfort. Dabei spielt eine immer wichtigere Rolle, dass Gebäude auch zukunftssicher und demographiefest gebaut werden. Demographiefest bedeutet nicht nur, dass Gebäude und Bauelemente energieeffizient sind und mehr Energie gewinnen, sondern von Jung und Alt sowie Menschen mit und ohne Handicap gleichermaßen einfach, sicher und komfortabel genutzt werden können – erst dies sichert eine werthaltige Immobilie, die auch in 20 Jahren noch gut genutzt oder verkauft werden kann. „Wir sind beim Wärmeschutz an Grenzen gestoßen und brauchen Innovationen und echte Technologiesprünge, weil die weitere Optimierung der jetzigen Konstruktionen uns nicht weiterbringt", so Ulrich Sieberath. Ansätze hierzu bieten die Vakuumverglasung, die Weiterentwicklung temporärer Wärmeschutzelemente und die Speicherung von überschüssigen solaren Energiegewinnen im Bauteil oder im Gebäude. Damit die ständig steigenden Anforderungen an Bauteile nicht zu überteuerten und unverkäuflichen Produkten führen, müssen Fenster und Fassaden modular konstruiert und gefertigt werden. Dies schließt auch die Entwicklung geeigneter Montagekonzepte mit ein, mit denen die Wirtschaftlichkeit, die Qualität und auch die Technik erheblich verbessert werden können. Das ist aber für die Branche nichts Neues – das zeigte ein kurzer Rückblick auf die Themen und Vorträge von 40 Jahren Rosenheimer Fenstertage.

Im Themenblock Sanieren und Modernisieren warteten die Teilnehmer mit Spannung auf den Vortrag von Peter Rathert, der als Referatsleiter im Bundesbauministerium (BMVBS) die Eckpunkte der EnEV 2013 vorstellte. Die Überarbeitung fällt aufgrund des Wirtschaftlichkeitsgebots insgesamt moderat aus, soll aber in zwei Stufen (2014 und 2016) weiter verschärft werden und sieht eine schrittweise Absenkung des zulässigen Jahresprimärenergiebedarfs QpH für Neubauten um 12,5 % in 2014 und nochmals 12,5 % in 2016 vor. Auch die Nebenanforderungen über den Transmissionswärmeverlust H´T soll in zwei Schritten durchschnittlich um jeweils 10 % verringert werden, ist aber je nach Gebäudetyp unterschiedlich. Dies bedeutet konkret eine Verschärfung zwischen 5 % und 30 %. Interessant sind aber die Details, die doch einige Nachteile für die Fenster und Fassadenbranche ergeben. Beispielsweise gehen die Regelungen Transmissionswärmeverlust H´T zu Lasten der Fensterfächenanteile, weil hier nur die Wärmeverluste berücksichtigt und die solaren Gewinne bei diesem Bauteilbezug außer Acht bleiben. Die EnEV-Easy ist im Referentenentwurf enthalten, allerdings mit einer Begrenzung und einer Auswahl an Heizsystemen, die den Markt nicht vollständig spiegeln. Ein Pferdefuß für die Fensterbranche ist die derzeit noch bestehende Begrenzung der Fensterflächen auf 30 % pro Fassadenseite, was auf der Süd-, West und Ostseite natürlich nicht sinnvoll ist. In die EnEV wird der bauliche sommerliche Wärmeschutz explizit aufgenommen, also nicht nur einen Verweis auf die DIN 4108-2. Dies wird laut Peter Rathert zu einer Verschärfung des sommerlichen Wärmeschutzes führen. Dieser Punkt wirkt sich auf das Fenster aus und könnte zu einer Reduzierung der Fensterflächen führen. Die EnEV soll gemeinsam mit den Änderungen des EnEG in die politischen Gremien gebracht werden, was eine Vorhersage des Inkrafttretens sehr schwierig macht. Wenn es gut läuft, wird die EnEV ab dem 4. Quartal 2013 gültig – bei intensiveren politischen Diskussionen wohl erst zum 1.1.14. Das ift Rosenheim wird nach Erscheinen des Referentenentwurfs diesen aus dem Blickwinkel der Fenster- und Fassadenbranche analysieren, umgehend eine Kommentierung veröffentlichen und auf der ift-Website zur Verfügung stellen. Jürgen Hofmann stellte als Vorsitzender des Bundesverbandes Gebäudeenergieberater GIH den Berufsethos mit den Worten vor „Ein Gebäudeenergieberater ist der Notar des Bauherren". Demzufolge steht die Beratung beim Fenstertausch auch im Mittelpunkt der Arbeit. So kann auch der Einsatz von Fenstern mit „normalem" Zweifachglas sinnvoll sein, wenn die opake Fassade auf längere Sicht nicht saniert werden soll und damit die U-Werte von Wand und Fenster nicht zu stark voneinander abweichen. Betont wurde die Bauüberwachung, also die Montage, Abdichtung und auch die Kontrolle durch einen Blower-Door-Test. Dabei wurden auch neue und durchaus unkonventionelle Methoden vorgestellt. Die häufig diskutierte Lüftungsplanung machen die meisten Gebäudeenergieberater mit. Das sollten auch Fensterbauer machen, wenn der Bauherr keinen Planer beauftragt, auch wenn hier zusätzliche Haftungsrisiken übernommen werden. Das Thema Fensterlüftung hat sich als Dauerthema etabliert. Deshalb stellte Norbert Sack vom ift Rosenheim als Projektleiter des zugehörigen Forschungsprojekts Möglichkeiten vor, wie ein Fensterbauer die baurechtlich geforderte Lüftungsplanung einfach und sicher machen kann. Hierzu stehen auch zwei ift-Richtlinien, ein Online-Tool sowie passende Seminare zur Verfügung.

Der Themenblock Universal Design (UD) zeigte sehr nachdrücklich, welchen Stellenwert eine zukunftsorientierte Planung und Produktentwicklung für einen Unternehmer aber auch für Bauherren hat. Thomas Bade, Mitbegründer des Universal Design e.V., prägte den Begriff „demographiefest", mit dem eine Nutzung von Gebäuden, Bauelementen und Produkten für alle möglichen Nutzergruppen einfach, sicher und komfortabel möglich ist, also auch wenn die Bewohner eines Gebäudes älter werden. Ganz unmittelbare Auswirkungen hat dies heute schon für die Werterhaltung und Finanzierung einer Immobilie. Denn Gebäude, die nicht energieeffizient, barrierefrei und demographiefest sind und sich leicht an geänderte Ansprüche und Wohnwünsche anpassen, lassen sich schlechter verkaufen und werden von Seiten der Banken heute schon mit einem schlechteren Zinssatz finanziert. Ein Blick in die Welt führte nach Japan, wo heute schon alle führenden Industrieunternehmen, ob Sony oder Toshiba, ihre Produkte nach UD-Kriterien gestalten und vermarkten und damit überaus erfolgreich sind. Dazu passte Bades Appell „Man muss allerdings Universal Design denken, um erfolgreich zu sein", den sicher auch Steve Jobs beherzigt hat. Denn das beste UD-Produkt kommt laut Thomas Bade mit dem i-phone aus den USA, denn es kann einfach und intuitiv von jedem bedient werden. Ulrike Rau vom Architekturbüro raumkonzepte übersetzte die Philosophie des Universal Design in die Praxis und betonte, wie wichtig die Planung und Umsetzung von barrierefreien Gebäuden ist. Es ist nicht nur die Rücksicht auf ältere Menschen und Personen mit Handicap, sondern das Wohnen wird für alle komfortabler und sicherer. Die DIN 18040 Barrierefreies Bauen ist eingeführt und formuliert klare Anforderungen, auch wenn diese oft noch missachtet werden, beispielsweise der Verzicht auf Schwellen. Für Fenster und Türen betrifft dies vor allem die Bedienelemente, sprich Griffe, die leicht zu erreichen und zu bedienen sein müssen, weshalb die Bedienkraft auf max. 25 N zu begrenzen ist. Aber auch die Gestaltung von Bauelementen inkl. den Bedienteilen nach dem Zwei-Sinne-Prinzip, heißt beispielsweise Funktionsteile sehen und fühlen oder sehen und hören zu können. Ein Gestaltungsprinzip, das leider noch nicht bei jeder Tür zu finden ist. Susanne Gosztonyi vom Austrian Institute of Technology entführte schließlich in die ferne oder nahe? Zukunft einer bionischen Gebäudehülle, die von der Natur abgeschaut wurde und in idealer Weise adaptiv, nachhaltig und energieeffizient ist. Hierzu gibt es in der Natur unzählige Vorbilder. Es ist nicht nur die Lotuspflanze oder der Gecko, von denen wir lernen können. Vorgestellt wurden nicht nur die Transfermethode der Analogiesuche in biologischen Datenbanken, mit der für Fassaden 240 biologische Vorbilder identifiziert wurden, sondern auch 28 konkrete bionische Entwurfsansätze für innovative Fassaden, beispielsweise eine flächige Lichtverteilung oder lichtleitende Fasern, wie sie vom Gießkannenschwamm (Euplectella aspergillum) genutzt werden, der im westlichen Pazifik vorkommt.

Im Themenblock Betriebspraxis und Management wurden Konzepte vorgestellt, wie sich im Betrieb und auf der Baustelle die Ansätze zur Verbesserung der Qualität ändern. Josef Steretzeder vom Institut für Nachhaltigkeit, Umwelt- und Energiemanagement berichtete von einem abgeschlossenen Versuch, die Möglichkeiten einer CO2-neutralen Produktion am Industriestandort Deutschland auszuloten. Der Startpunkt war eine Ökobilanz, von der aus die Optimierung aller betrieblichen Prozesse mittels Verfahren des Umwelt- und Qualitätsmanagements begonnen wurde. Die Analyse des Materialverbrauchs ergab ein Reduktionspotenzial von 17 %. In Verbindung mit der Nutzung regenerativer Energie ergibt sich eine maximale CO2-Reduktionsquote von 50 %. Der Rest ist nur durch Kompensationsmaßnahmen und entsprechende CO2-Senken möglich, beispielsweise Aufforstungsprogrammen. Auch wenn dieses Ergebnis ernüchternd wirkt, ist es doch ein mutiger Schritt in die richtige Richtung. Angesichts immer noch niedrigen Energiekosten sind diese Maßnahmen nicht wirtschaftlich darstellbar, sondern durch unternehmerische Visionen motiviert. Professor Andreas Fuchs von der Hochschule RheinMain widmete seinen Vortrag neuen Konzepten zur Fassadensanierung im Nicht -Wohnungsbau, die viele Unternehmen und Immobilien nicht nur wegen der hohen Kosten, sondern auch wegen des Nutzungsausfalls scheuen. Dabei wird aber oft übersehen, dass moderne Fassaden die Arbeitsbedingungen deutlich verbessern können, insbesondere hinsichtlich thermischer Behaglichkeit, natürlicher Lüftungsmöglichkeiten, Schallschutz und der Versorgung mit Tageslicht. Prof. Fuchs stellte Konstruktions- und Prozessprinzipien von Modernisierungsfassaden vor. Durch einen hohen Vorfertigungsgrad, bei dem komplette Fassadensegmente vor die alte Gebäudehülle gestellt werden, reduziert sich die Beeinträchtigung auf die Montage der Lastanker, die Abdichtung mittels Folien und den raumseitigen Innenausbau. Der raum- oder geschossweise Nutzungsausfall beschränkt sich so auf wenige Tage. Bei einer Gesamtkostenbetrachtung zeigt sich, dass die höheren Aufwendungen für Planung und Vorfertigung leicht durch die Kosten durch einen Nutzungsausfall kompensiert werden. Allerdings verhindert die einseitige Fixierung auf die Baukosten eine höhere Sanierungsbereitschaft.

Die komplexer gewordenen Fenster- und Fassadenkonstruktionen, die arbeitsteilige Produktion und die Nutzung unterschiedlichster Halbzeuge bedingen eine Kontrolle der Zulieferteile. Deshalb lässt sich die baurechtlich geforderte Qualitätskontrolle und Rückverfolgbarkeit der Produktionsbedingungen auch im Fensterbereich nur noch selten mit Listen und Einzelmaßnahmen erreichen. Christian Kehrer, Leiter der Zertifizierungsstelle des ift Rosenheim, zeigte wie man durch ein integriertes Managementsystem die betrieblichen Aufwendungen verringern und die Qualität verbessern kann. Durch die intelligente Kombination von Qualitäts-, Umwelt-, Energie- und Arbeitsschutzmanagementsystemen können erhebliche Synergien genutzt werden. Beispielsweise müssen die Daten nicht mehrfach erhoben werden und Wechselwirkungen werden erkannt, beispielsweise beim Umgang mit Gefahrstoffen und Emissionen, die gleichermaßen die Umwelt, das Produkt und den Arbeitsschutz betreffen. Besonderes Augenmerk gilt auch der Dokumentenlenkung und -archivierung, weil die neue Bauproduktenverordnung ab Juli 2013 eine 10-jährige Aufbewahrungspflicht vorgibt. Auch die Verbraucher verlangen immer häufiger auch nach Jahren noch nach Produktdaten, beispielsweise wenn bei einem Verkauf der Immobilie ein neuer Energiepass erstellt werden soll. Ein hohes Risiko ergibt sich auch durch das Produktsicherheitsgesetz, das bei entsprechendem Risiko eine Rückrufaktion nach sich zieht. Wer hier keine lückenlose Dokumentation der Produktionschargen und sicherheitsrelevanter Zulieferteile wie Beschläge oder Befestigungsmittel vorweisen kann, muss dann nicht nur wenige Fenster austauschen, sondern vielleicht eine ganze Monatsproduktion. Durch spezialisierte Branchensoftware, moderne Datenerfassung, Onlineanbindungen und elektronische Prüf-, Überwachungs- und Simulationsverfahren von erfahrenen Zertifizierungsstellen kann der betriebliche Zeitaufwand nach der Einführung eines integrierten Managementsystems sogar deutlich vereinfacht werden. Bekannt ist dies bereits heute in der Softwarenutzung.

Der Themenblock Steuerung und Konstruktion ist das historische Herzstück der Fenstertage und beschäftigt sich mit neuen Konstruktionen. Jörn P. Lass stellte als Geschäftsbereichsleiter im ift Rosenheim vor, wie auch im Fensterbau durch modulare Konstruktionsprinzipien eine größere Produktvielfalt bei geringerem Aufwand erreichbar ist. Gerade zahlungskräftige Kunden erwarten heute die Erfüllung individueller Wünsche, denn in der Automobilbranche ist die Konfiguration Standard und kann durchaus durch Konstruktionsplattformen kostengünstig umgesetzt werden. Die Kompetenz liegt weniger in der Entwicklung einzelner Module mit charakteristischen Eigenschaften, sondern in der Definition und Gestaltung der Schnittstellen, mit denen aus Modulen erst ein Ganzes wird. Auch im Fensterbereich gibt es durchaus Module, die leicht ausgetauscht werden können, beispielsweise Isoliergläser mit unterschiedlichen Dicken und Funktionen oder Beschläge. Allerdings müssen funktionale Abhängigkeiten bekannt sein und berücksichtigt werden, beispielsweise wenn sich der Wärmeschutz durch die Verbesserung der Einbruchhemmung verschlechtert, weil Verstärkungen aus Stahl eingesetzt werden. Insgesamt gibt es noch einen großen Entwicklungsbedarf, dem sich aber einzelne Hersteller stellen. Große „Baustellen" sind immer noch die Montage und der Baukörperanschluss sowie die Entwicklung von Schnittstellen zur Einbindung von automatischen und elektronisch gesteuerten Bauelementen in die Haustechnik. Hier schloss sich nahtlos der Vortrag von Professor Michael Krödel an, der in der Hochschule Rosenheim Haustechnik lehrt. Mit den Worten „Mechatronik und Elektronik im Fensterbau sind wie das Puzzle bei Dalli-Dalli" brachte er die gegenwärtige Situation auf den Punkt. Die Branche weiß zwar, dass sich wesentliche Verbesserungen hinsichtlich Wohnund Bedienungskomfort, Barrierefreiheit, Sicherheit und Energieeinsparung durch den Einsatz elektronisch gesteuerter Systeme ergeben, aber es geht nicht voran. Immer noch führen die Beteiligung verschiedener Gewerke, unklare Vorgaben durch den Planer und die fehlenden Schnittstellen oft genug zu sehr aufwändigen individuellen Planungs-, Fertigungs- und Montageprozessen mit entsprechendem Fehlerrisiko. Die wichtigste Aufgabe ist deshalb die Entwicklung einheitlicher Schnittstellen und standardisierter Prozessen. Entsprechende Grundlagen hat das Forschungsprojekt „Entwicklung von Grundlagen für die Integration von Elektronik im Fenster-, Fassaden- und Türenbau" geschaffen. Praktische Empfehlungen wurden in der ift-Richtlinie EL-01/1 „Elektronik in Fenstern, Türen und Fassaden" formuliert. Darauf aufbauend laufen weitere Arbeiten und Studien mit einzelnen Herstellern. Die Bündelung der Aktivitäten in einem F+E-Anschlussprojekt wäre eine Möglichkeit, Praxislösungen für die bestehenden Probleme zu erarbeiten. Durch faserverstärkte Betonteile, neue Schalungstechniken und die Planung mit 3D-Software sind heute Gebäude mit bizarren Freiformflächen möglich, die auch ganz neue Anforderungen an die Planung, Fertigung und Montage von Fassaden stellen. Dr.-Ing. Steffen Feirabend stellte mit dem Bahnhof „King's Cross" in London und dem Kunstmuseum „The Borad" in Los Angeles zwei aktuelle Projekte vor, in denen Beton- bzw. Stahlkonstruktionen und das Bauen mit Glas eine ideale Synthese ergeben. Die vorgestellten Anforderungen an den Fassadenbauer zeigten eindrücklich, dass jedes Detail entscheidend ist und erst eine genaue und sorgfältige Planung aller Montageabläufe, Baukörperanschlüsse und Verbindungsmittel eine erfolgreiche Realisierung ermöglicht.

Der Themenblock moderne Glastechnik widmete sich aktuellen Glasthemen, die Fenster und Fassadenbauer kennen müssen. Den Anfang machte Karin Lieb, die als Geschäftsbereichsleiterin Glas und Baustoffe im ift Rosenheim Grenzen und Einsatzmöglichkeiten von Dreifachglas aufzeigte. Dreifachglas hat sich durch die gestiegenen energetischen Anforderungen fast zur Standardverglasung entwickelt und wird in unterschiedlichsten Anwendungen eingesetzt. Allerdings ergeben sich aufgrund des größeren Randverbundes und der größeren Gesamtdicke sowie des höheren Glasgewichts auch andere Belastungen und Anwendungsgrenzen, die der Fenster- und Fassadenbauer kennen sollte, um Schäden zu vermeiden. Außerdem lassen sich nicht alle Prüfnachweise von Zweifachglas auf Dreifachglas übertragen, beispielsweise bei absturzsichernden Verglasungen. Durch ein ift-Forschungsprojekt wurden zwar Übertragungsregeln erarbeitet, die einige Konstruktionsvarianten umfassen und in der TRAV beschrieben sind. Bei allen anderen Punkten ist aber ein erneuter Nachweis über einen Pendelschlagversuch notwendig. Ein weiterer kritischer Fall sind die erhöhten Klimalasten, die besonders bei kleinen Scheibenformaten zu einer erhöhten Belastung und zu vorzeitigem Versagen des Randverbundes führen können – die Folge ist das Eindringen von Feuchtigkeit, was auch als „blinde" Scheiben bezeichnet wird. Das ift Rosenheim erarbeitet deshalb in einem Forschungsprojekt Anwendungsdiagramme, mit denen sich die kritischen Abmessungen ermitteln lassen. Professor Benno Eierle von der Hochschule Rosenheim und Harald Krewinkel vom ift Rosenheim stellten neue Nachweismöglichkeiten für absturzsichernde Verglasungen vor, die mit Hilfe der neuen DIN EN 18008-4 möglich sind. Neben dem bekannten Pendelschlagversuch ist auch ein vereinfachter Nachweis über Tabellen möglich, wie bereits aus der TRAV bekannt. Neu hinzugekommen ist der Nachweis über Simulationsrechnungen mittels FEM-Software (Finite Elemente). Das Verfahren stellt jedoch hohe Anforderungen an die Software und die Ingenieure, die diese nutzen. Vorgesehen ist deshalb auch ein Kompetenznachweis und ein Verfahren der Qualitätssicherung durch die Baubehörden, wie das ja auch von Prüfstatikern bekannt ist. Das ift Rosenheim erarbeitet in einem Forschungsprojekt gerade Grundlagen zu Validierung von Softwareprodukten und kann dabei idealerweise auf den Vergleich von Berechnungs- und Prüfergebnissen zurückgreifen. Professor Franz Feldmeier von der Hochschule Rosenheim stellte sich dem Thema „Evolution mehrschaliger Fassaden", die ein Lösungsansatz sind, um Fenster, Fassaden und Verglasungen technologisch weiterzuentwickeln. Die konstruktiven Lösungen von Fenstern und Fassaden und Isolierverglasungen kommen sich immer näher, man denke nur an Dreifachgläser mit Sonnenschutzelementen im Scheibenzwischenraum. Eine bislang noch vorhandene technische Bremse ist die Erhöhung der Klimalasten durch eine Vergrößerung des Scheibenzwischenraums, was sehr schnell zu einem undichten Randverbund und damit zu einem schadhaften Isolierglas führen kann. Wenn dieses Problem gelöst wird, ist die Einführung einer echten Funktionsschicht im Isolierglas möglich. Damit könnten Anwendungen wie Sonnenschutz, Lichtlenkung oder auch Medienfunktion realisiert werden. Diese Glaseinheiten werden auch als Closed-Cavity-Fassade bezeichnet und lassen sich einfach in Fenster- und Fassadensysteme einbinden. Dies ist eine erhebliche konstruktive Vereinfachung gegenüber Kastenfenstern oder Doppelfassaden. Deshalb wurde gerade im ift Rosenheim auch ein Forschungsprojekt zur Entwicklung von druckentspanntem Isolierglas gestartet.

Der Themenblock Markt & Trends erfreut sich seit einigen Jahren großer Beliebtheit, vor allem bei strategisch und kaufmännisch motivierten Teilnehmern, weil hier ja wichtige Trends und Marktchancen vorgestellt werden. Professor Christian Niemöller stellte die Auswirkungen der Bauproduktenverordnung (BauPV) auf die CE-Kennzeichnung, die werkseigene Produktionskontrolle und weitere betrieblich notwendige Anpassungsprozesse, beispielsweise die Dokumentenlenkung vor. Insbesondere die Einführung der „Leistungserklärung" ist ein zentraler Punkt, weil neue und weitreichende Haftungsrisiken entstehen. Die Leistungserklärung ist nicht nur eine obligatorische Voraussetzung für die CE-Kennzeichnung, sondern eine verbindliche Beschreibung der zugesicherten Eigenschaften. Auch die Regeln zur CE-Kennzeichnung selbst ändern sich und sind ein Element zur eindeutigen Identifikation des Herstellers auf dem Produkt sowie der Nachverfolgbarkeit der Produkteigenschaften inklusive der entsprechenden Nachweise für 10 Jahre. Fragen zur BauPV wurden dann am Freitag in einem Workshop diskutiert, beispielsweise: Wo, wann und wie soll das CE-Zeichen, die Leistungserklärung und weitere Dokumente zur Verfügung gestellt werden? Reicht es, diese auf der Firmenwebsite als Download zu hinterlegen? Die Antworten und weitere Tipps sind auf der ift-Website im speziellen CE-Bereich verfügbar und werden ständig aktualisiert. Gerade im Gewerbebau nimmt die Nachfrage nach einer Nachhaltigkeitszertifizierung nach LEED, BREEAM, DGNB und BNB zu, um sowohl das Unternehmensimage als auch Optimierungspotenziale zu erkennen und zu nutzen. Neben einer Minimierung der Betriebskosten sind auch die Werthaltigkeit und Zukunftsfähigkeit der Immobilie ein Entscheidungskriterium für Pro oder Contra einer Zertifizierung. Dr. Birgit Memminger-Rieve ist mit allen Zertifizierungssystemen vertraut und stellte die Bewertungskriterien sowie die Marktbedeutung der am Markt vorhandenen Zertifizierungssysteme vor. Die Systeme entwickeln sich weiter; so ist auch das englische BREEAM technischer geworden und gewinnt an internationaler Bedeutung, weil es Bezug auf die nationalen Mindestanforderungen nimmt. Im Gegensatz dazu bezieht sich LEED auf amerikanische Anforderungen, so dass Gebäude in Ländern mit hohen Mindeststandards bereits ohne nennenswerte zusätzliche Maßnahmen LEED Bronze oder Silber erreichen können, beispielsweise in Deutschland. Zurzeit ist BREEAM deshalb für den Sanierungsbereich ein effektives Zertifizierungssystem, weil bestimmte Kriterien, die sich bei einem bestehenden Gebäude nicht ändern lassen, ausgegrenzt werden können, beispielsweise die Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel. In seinem Vortrag Premiumbauen 2012 verriet Martin Langen von B+L Marktdaten, was hinter diesem Phänomen steckt. Er bezifferte das Segment für 2014 auf 27.000 Wohneinheiten, das durch eine deutlich höhere Bauqualität gekennzeichnet ist. Dahinter stehen kaufkräftige Bauherren im Alter von 55plus, die ihre Immobilie sanieren wollen sowie Paare ohne Kinder mit doppeltem Haushaltseinkommen (DINK´s = Double Income no kids). Beide Zielgruppen werden in den kommenden Jahren wachsen und damit ein steigender und struktureller Trend für die nächsten 10-15 Jahre sein. Zu beachten ist aber, dass diese Kunden sich sehr intensiv in die Bauthemen einarbeiten und am Thema Fenster und Fassaden ein hohes Interesse haben. Interessant ist, dass diese Bauherren die Bauleistungen bevorzugt von qualifizierten Handwerksbetrieben ausführen lassen: dies ist für die Hersteller deshalb ein wichtiger Vertriebsweg. Das gilt vor allem für Holz- und Holz-Alufenster, die mit über 50 % Marktanteil die stärkste Rahmenmaterialgruppe in diesem Segment sind.

Der Themenblock „Schäden erkennen und vermeiden" hat sich mittlerweile als feste Größe für die Praktiker entwickelt, weil hier die häufigsten Schäden an Fenstern und Verglasungen inklusive der dazugehörigen Ursachen analysiert werden. Werner Stiell begann als Leiter des ift-Sachverständigenzentrums anhand mehrerer Beispiele mit der Vorstellung typischer Fehler und mit Tipps, wie diese zu vermeiden sind. Beispiel 1 zeigte die Probleme bei der Abdichtung von Durchdringungen von Fenstern, Fassaden und Wintergärten. Mit den Worten „Der heilige Silikon wird das schon abdichten" kritisierte er die weitverbreitete Unsitte, Dichtstoff-Fugen nicht korrekt zu planen und den Monteur auf der Baustelle mit einigen Kartuschen Silikon alleine zu lassen. Da Durchdringungen der Wetterschutzebene nur sehr schwer dauerhaft abzudichten sind, sollten diese grundsätzlich vermieden werden oder es ist eine planmäßige Abfuhr von eindringendem Wasser zu planen. Ein weiteres Beispiel befasste sich mit der Verträglichkeit von Materialien. Bei der sogenannten „Fußversiegelung" von Fenstern, bei denen der Glasfalz nach innen zusätzlich zur Glashalteleiste mit einem Dichtstoff abgedichtet wird, kommt es immer wieder zur Reaktion mit der äußeren Abdichtung des Randverbundes des Isolierglases. Der Dichtstoff löst sich auf und läuft auf der Innenseite des Isolierglases sichtbar hinunter. Um dies zu verhindern, sollte der Hersteller des Dichtstoffes eine Materialverträglichkeit mit dem Dichtstoff des Randverbundes nachweisen, beispielsweise nach der ift-Richtlinie DI-01/1 „Verwendbarkeit von Dichtstoffen". Anhand von Bildern wurden weitere typische Schadensfälle vorgestellt, so auch die Probleme von Tauwasseranfall bei Ganzglasecken, die beim 2-fach-Isolierglas nahezu unvermeidbar sind. Als Verfasser des RAL-Montageleitfadens ging Wolfgang Jehl auf die Problemstellungen bei der Montage von Fenstern in Wärmedämm-Verbundsystemen (WDVS) ein. Besonderes Augenmerk ist notwendig, wenn die Fenster aus architektonischen Gründen vor der Außenwand liegen sollen, um beispielsweise größere Fenster einbauen zu können. Hier ist eine Verankerung und Lastabtragung von Eigengewicht und Nutzlasten durch ausreichend dimensionierte Befestigungsmittel und Konsolen oder Laschen zu planen. Der zweite Problemkreis ist ein dauerhaft dichter Anschluss an das WDVS, der mit geeigneten Systemen und Materialien auszuführen ist. Ein Nachweis nach der ift-Richtlinie MO-01/1 „Baukörperanschluss von Fenster" gibt die Sicherheit, dass die Materialien und die Ausführungsdetails als System wirksam sind. Besonders sorgfältig ist die Ausführung im Bereich der äußeren Fensterbank umzusetzen. Hierzu hat die Gütegemeinschaft Wärmedämmung von Fassaden ein Merkblatt mit Empfehlungen erstellt. Den Abschluss machte Martin Heßler, der als Mitarbeiter im ift-Sachverständigenzentrum täglich mit der Analyse von Schadensfällen zu tun hat. In seinem Vortrag gab er Tipps, wie während und nach Abschluss der Montage die Ausführungsqualität geprüft werden kann, um Fehler frühzeitig zu erkennen und Nacharbeiten nach der Gesamtfertigstellung vermeiden zu können. Diese sind in der Regel um ein Vielfaches teurer. Fehler lassen sich oft auch schon bei der Kontrolle der Montageplanung finden, wenn beispielsweise die Lastabtragung nicht definiert ist, die Planung der Dichtstoff-Fugen fehlt, die Abdichtungsebene einen Versatz aufweist oder die Fugenbreiten für das gewählte Abdichtungssystem zu groß sind. Eine fachgerechte Montageplanung berücksichtigt diese kritischen Punkte und kann somit teure Folgeschäden vermeiden.

Im Themenblock „Energieeffizienz" wurden die Energieeinsparung und die Energiegewinnung thematisiert. Der ift-Bauphysiker Manuel Demel stellte in seinem Vortrag die unterschiedlichen Einflussgrößen auf die Energiebilanz von Fenstern detailliert dar. Bei der rechnerischen Bestimmung der Wärmedämmeigenschaften sollte man auch auf die Addition der zulässigen Toleranzen und Rundungsfehler achten, um bei der Ermittlung des Gesamtwertes keine zu optimistischen Ergebnisse zu erhalten, die bei einer Überprüfung am Bau dann nicht mehr zu erreichen wären. Hier ist zu beachten, dass im Reklamationsfall auf die Messung als Referenzverfahren zurück gegriffen wird, und dass es durch Toleranzen und Rundungen zu Abweichungen von 1-2 Zehntel kommen kann. Durch die zurzeit vorherrschende Fokussierung auf den U-Wert wird oft vergessen, dass die Energiegewinne über Fenster im Süden, Westen und Osten erheblich höher als die Verluste sind und die Fenster deshalb auch als regenerative Energieerzeuger gesehen werden sollten. Um diesem komplexen Zusammenspiel von Energiegewinnen/-verlusten gerecht zu werden, sollte anstatt der Fokussierung auf einzelne Kenngrößen das Gesamtsystem betrachtet werden. Christian Stolte von der Deutschen Energieagentur (dena) lenkte den Blick vom Detail auf das große Ganze und verwies auf den riesigen Sanierungsbedarf im Baubestand, der mit 75 % beziffert werden kann und der durch die seit 1995 um 165 % gestiegenen Energiekosten für viele Mieter und Eigentümer zum Finanzproblem wird. Falls ohnehin Instandhaltungsarbeiten erforderlich sind, beispielsweise der Fassadenanstrich, rechnet sich eine energetische Sanierung immer. Aber auch eine energetisch motivierte Renovierung rechnet sich bei der Selbstnutzung häufig; das zeigt eine Analyse durchgeführter Gebäudesanierungen auf den Standard des Effizienzhauses 70. Hier liegen die Sanierungskosten umgerechnet auf die eingesparten Energiekosten mit 7,1 Cent unter den heutigen Energiekosten von ca. 8 Cent pro Kilowattstunde. Bei den zu erwartenden Preissteigerungen wird die Investition immer wirtschaftlicher. Das ermöglicht auch eine warmmietenneutrale Sanierung des vermieteten Baubestands, wenn ohnehin Instandhaltungsarbeiten von Fassade und Fenster anstehen. Aber auch ohne diesen Anlass ist die Sanierung von energetisch besonders schlechten Bauteilen sinnvoll. Hierzu zählen 20 Jahre alte Heizkessel genauso wie Fenster mit Einfachverglasungen und alten unbeschichteten Isoliergläsern ohne Gasfüllung – das sind in Deutschland immerhin ca. 312 Millionen Fenster. Diese werden deshalb auch von der KfW-Bank besonders gefördert. Neben der Energieersparnis sind energieeffiziente Gebäude darüber hinaus komfortabler, besser zu vermieten und wertbeständiger – also eine Investition in die Zukunft des Eigentümers und der Gesellschaft. Kurt Emil Eriksen von der „Active House Allianz" thematisierte die Steigerung des Wohnkomforts der sich durch eine Gebäudesanierung ergeben kann – nicht ganz unwichtig, weil die meisten Menschen 90 % und mehr in Gebäuden verbringen. Dabei ist mehr Komfort und weniger Energieverbrauch kein Widerspruch. Die Kernanforderung an Active Häuser ist, dass Wohngesundheit, Komfort und eine Deckung des Energiebedarfs durch erneuerbare Energien kombiniert werden. Dabei wird auch eine Integration in das lokale Umfeld und eine nachhaltige Bilanz über die gesamte Lebensdauer gefordert. Einen besonderen Stellenwert haben großflächige Fenster, denn sie sichern die ausreichende Versorgung mit Tageslicht, nutzen kostenlos die Sonnenenergie und erlauben eine natürliche Lüftung und Nachtauskühlung in den Sommermonaten.

Das Highlight zum Abschluss waren die Plenumsvorträge von Prof. Dr.-Ing. Ulrich Knaack von der TU Delft und Prof. Dr.-Ing. Klaus Sedlbauer als Leiter des Fraunhofer Instituts für Bauphysik IBP. Prof. Knaack eröffnete in seinem Vortrag „Die Gebäudehülle von Morgen – Roadmap 2050" einen Blick auf die großen Zeitspannen, in denen sich bahnbrechende Innovationen durch eine technische Evolution entwickelt haben, beispielsweise das Isolierglas. Ein weiteres Beispiel ist der Einfluss der Ölkrise 1973 auf die Entwicklung von Fassaden bis hin zu heutigen Doppel- und Komponentenfassaden. Komponenten sind dabei Lüftungs-, Klima- und Heiztechnik. Die Entwicklungslinien versteht er dabei als Roadmap und zeigte auf, wie diese begonnen haben und beginnen können. Er machte deutlich, dass es die Visionen sind, mit denen alles beginnt, aber auch die Hartnäckigkeit eines ganzen Forscherlebens notwendig ist, damit diese auch realisiert werden. Besonders interessant ist natürlich wie die Reise weitergeht. Die Zukunft der Gebäudehülle sieht Prof. Knaack in adaptiven Systemen, die weitere Funktionen integrieren, auf Umwelt- und Nutzereinflüsse reagieren können und so Energieeffizienz und Wohnkomfort weiter verbessern. In der transparenten Fassade ist das einerseits die Weiterentwicklung des Komponentenkonzepts, aber auch ganz neue Ansätze wie mit Wasser gefüllte Fassadensegmente, die transparent sind, dämmen und Wärme speichern. Im opaken Bereich verfolgen innovative Projekte die Entwicklung eines Betons, der gleichzeitig statisch trägt, dämmt und die Wärme speichert. Interessant ist auch die Entwicklung von „Living Envelopes", hinter denen ein bionischer Ansatz steckt – heißt also von der Natur lernen und natürliche Materialien nutzen, die wieder vollständig im biologischen Kreislauf integriert werden. Zu vielen Ansätzen laufen bereits Forschungsarbeiten, die Prof. Knaack in seinen Vortragsfolien skizzierte. Prof. Dr.-Ing. Klaus Sedlbauer ging in seinem Vortrag der Frage auf den Grund, wie Gebäude und Fassaden für die Morgenstadt aussehen müssen, um dem weiteren Bevölkerungswachstum und dem globalen Trend der Verstädterung zu begegnen. Kernpunkt aller Überlegungen ist die Frage, wie man zukünftig bauen und leben muss, um den Ressourcen und Energieverbrauch zu begrenzen, damit die Folgen des Klimawandels nicht unsere jetzige Zivilisation zerstören. Dafür müssen ressourcenschonende Materialien, Bauweisen, Gebäude und Städte entwickelt werden, die mehr Energie erzeugen als verbrauchen. Die Steigerung der Energieeffizienz beim Energieplushaus ergibt sich durch eine konsequente Dämmung wie beim Passivhaus, durch Anlagentechnik und die Nutzung der Solarenergie. Dabei gewinnt der Ressourcenverbrauch durch die hohe Energieeffizienz im Betrieb ein größeres Gewicht, und zwar dann, wenn weitere Effizienzgewinne durch einen höheren Ressourceneinsatz überkompensiert werden. „Gefragt sind recyclingfreundliche Konstruktionen und kein Rückbau mit der Abrissbirne. Wir brauchen dann neben dem Energiepass auch einen Nachhaltigkeitspass" so Prof. Sedlbauer. Zu entwickeln sind auch Energiespeicher, mit denen die tages- und jahreszeitlich unstete Energieerzeugung gepuffert werden kann. Dies wird auch die weitere Automatisierung der Gebäude und der Fassade unterstützen. Die Steuerung dieser Technik darf aber nicht zu kompliziert werden und muss eine manuelle Bedienung erlauben, beispielsweise auch das Öffnen der Fenster. „Sonst wird der Ausknopf zum wichtigsten Schalter der Steuerung" so Prof. Sedlbauer. Weiterhin betonte er sehr nachdrücklich, dass wir für ganze Städte und Regionen planen müssen, um die Sonnenenergie optimal zu nutzen. Die Bilanzierung von Energie und Ressourcen darf dann nicht mehr auf Gebäudeebene, sondern muss für ganze Städte erfolgen. Die Techniken und Konstruktionen sind natürlich je nach Klima gänzlich verschieden. In kalten Klimaregionen ist das die Verminderung des Heizenergiebedarfs, in heißen Regionen mit hoher Solarstrahlung ist das die Minimierung oder Vermeidung des Kühlenergiebedarfs.

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